Der feine Unterschied | Heide Oestreich E44 © rbb/Gundula Krause
rbbKultur
Bild: rbb/Gundula Krause

Der Feine Unterschied - Die Feministische Kolumne - Was war nochmal Pazifismus?

Immer noch hält das Augenreiben an – angesichts der Tatsache, dass dieses Land mal eben einen gigantischen Militärhaushalt aus dem Boden stampft. Waffenexporte, gesteigerte Rüstungsausgaben - waren wir nicht gerade noch Pazifist:innen? Heide Oestreich hat eigentlich nicht vor, daran etwas zu ändern.

Muss man nicht eher für Krieg als für Frieden demonstrieren? Das fragte ein Freund vorigen Sonntag, als wir uns inmitten von Peace-Fahnen in Berlin vor dem Brandenburger Tor zur Demo trafen. Und unter den Statements zur Frage, ob dieses Land nun doch wieder eine Verteidigungsarmee braucht und nicht mehr nur eine Interventionsarmee, liegt oft so ein Unterton von: "Was sind diese Peaceniks aus den Achtzigern naiv gewesen." Sogar die Evangelische Kirche will jetzt ihre Friedensethik überprüfen.

Die Friedensbewegung war immer eine feministische Bewegung. Sie hat die Verbindung von Patriarchat, Nationalismus und Militarismus herausgearbeitet und das Toxische der Vorstellung von männlicher "Wehrhaftigkeit".

Tja, aber Frieden geht eben nur zu zweit. Und wenn der andere sich in seine toxische Männlichkeit geradezu hineinsteigert – Wladimir Putin, der seine Erstschlagsqualitäten schon als Kind in Petersburger Hinterhöfen trainiert haben soll, könnte kein schöneres Beispiel abgeben – dann ist es nicht ratsam, statt eigener Schwerter nur Pflugscharen im Arsenal zu haben – oder Tornados, die nicht fliegen können.

Aber das ist kein Grund, nun mit Bismarckschem Herrenblick auf Friedensaktivist:innen herabzuschauen. Denn wenn der Westen jetzt gerade nichts anderes auf Lager hätte außer Abschreckung, dann stünden wir mal wieder vor der klassischen Frage der Achtziger Jahre: Wievielmal genau müssen wir tot sein, um sicher zu sein? Wir lernen gerade wieder, was nochmal taktische Nuklearwaffen waren – und dass es nicht wirklich attraktiv ist, deren Einsatz einzukalkulieren.

In Wahrheit ist Aufrüstung keine Alternative zum Pazifismus, sie ist nur eine unangenehme Ergänzung, ohne die es nicht geht, solange Menschen mit militaristischem Weltbild Staaten regieren. Der Pazifismus kann natürlich viel mehr: Dem autoritär-hierarchischen, dem soldatischen Denken ein anderes, sehr viel attraktiveres gegenüberstellen. Wladimir Putin hat seine private Erstschlagsdoktrin laut Berichten entwickelt, nachdem er als zarter Knabe auf der Straße erstmals richtig verkloppt worden war. Hätte er eine gewaltfreie Kindheit gehabt, würde er heute vielleicht anders ticken.

Und wer sollte eine friedliche, demokratische und damit auch feministische Entwicklung in autoritären Staaten ermutigen, wenn nicht die Pazifist:innen, Demokrat:innen und Feminist:innen in anderen Ländern? Bei aller Desinformation, bei allen Drohungen gegenüber den letzten halbwegs freien Medien in autoritären Staaten – die Bilder von weltweiten Friedensdemos finden ihren Weg, die Uno-Resolutionen, die Reden von Außenministerinnen.

Das ist nicht viel, aber eine Welt ohne die Idee des Pazifismus und ihre hartnäckigen Unterstützer:innen dürfte ziemlich schnell auch eine Welt ohne menschliche Bewohner sein.

Heide Oestreich, rbbKultur

Mehr