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Keine Premiere an der Staatsoper - Anna Netrebko wird auch in Berlin nicht singen

Die russische Sopranistin Anna Netrebko sollte im Juni die bereits ausverkauften Vorstellungen von Puccinis Turandot singen. Da sie sich nicht von der russischen Regierung und ihrem völkerrechtswidrigen Einmarsch in die Ukraine distanziert hat, endet die Zusammenarbeit mit dem Haus Unter den Linden.

Leicht hat sich die Staatsoper Berlin diese Entscheidung nicht gemacht. Die Premiere und alle Vorstellungen im Juni sind bereits ausverkauft gewesen. Die Sopranistin Anna Netrebko zieht das Opernpublikum magisch an. Intendant Matthias Schulz ist dennoch mit ihr überein gekommen, dass sie nicht auftreten wird. Ihm ist wichtig, dass diese Entscheidung sich nicht auf russische Künstler im Allgemeinen bezieht. Im Gegenteil.

"Diese Brücken abzureißen, wäre völlig falsch, sondern man muss sie intensivieren. Es braucht aber die ausreichende Distanz zu dem, was gerade passiert. Wir sprechen nicht über eine politische Einstellung oder Haltung, sondern es geht jetzt um Krieg. Das sind Verbrechen, die jetzt passieren, die durch nichts zu rechtfertigen sind. Es ist deshalb einfach unmöglich, dass jemand auf dieser Bühne steht, der das offen befürwortet oder der sich nicht ausreichend davon distanzieren kann"

Schulz ist klar, dass Künstler wie Netrebko auch unter Druck stehen könnten. Aber ihr trotziges Statement auf Instagram, es sei unverschämt, sie um Distanz zu bitten und ein dazu gepostetes Foto mit dem Dirigenten und Putinfreund Valerij Ghergiev zeigen deutlich, dass die Sängerin nicht willens ist, den Krieg als Verbrechen zu bezeichnen und seinen Verursacher zu nennen. Chefdirigent Daniel Barenboim differenziert ebenfalls. Bitte werft nicht alle russischen KünstlerInnen in einen Topf, mahnt er.

"Das finde ich nicht gut, dass man automatisch alle russischen Künstler absagt. Es gibt viele anständige Russen, die nichts mit der Politik zu tun haben. Leute jedoch, die Putinenthusiasten sind, und die nicht bereit sind, sich in dieser Situation zu distanzieren, verstehe ich, dass man sie nicht bei uns reinlässt."

Putin, so Barenboim sehr offen, habe er einst geschätzt, der russische Präsident jedoch habe sich enorm verändert: "Ich habe Putin mehrere Jahre verteidigt, weil ich seine Kritik am Westen nach dem Fall der Mauer richtig fand. Die Rede im Bundestag, ich habe ihn bewundert. Umso größer ist meine Verachtung jetzt für ihn. Das ist kriminell"

Barenboim bezeichnet Putin als Verbrecher, der Zivilisten ermorden lässt. Für ihn ist dies auch persönlich eine traumatische Situation. Seine väterliche Familie stammt aus der Ukraine, seine mütterliche aus Belarus, beide Familien sind vor dem Antisemitismus geflohen. Seine Frau ist eine russische Pianistin, seine Schwiegertochter ist Russin. Musik verbindet, so Barenboim, aber der Dialog im Moment müsse ein politischer sein. Anna Netrebko wohnt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Wien und New York. Sie besitzt auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Sie hat in den letzten Tagen sowohl ihre Engagements in New York an der Metropolitan Opera als auch in Hamburg in der Elbphilharmonie und in Berlin verloren. Die 50jährige Sängerin zahlt für ihre Treue zu Putin einen hohen Preis.

Maria Ossowski, rbbKultur

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