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Der Feine Unterschied - Die Feministische Kolumne - Frauen und Krieg

Jetzt räumen wieder Menschen Souterrains und Gästezimmer leer – für geflohene Frauen und Kinder aus der Ukraine. Männer kämpfen, Frauen fliehen, so wirkt es im Moment – und auch wenn an dieser Vorstellung vieles nicht stimmt, produziert doch ein Krieg immer wieder solch archaische Geschlechterbilder. Und umgekehrt, meint Heide Oestreich: Diese Bilder produzieren auch Krieg.

Nun sind sie hier. Nataliya, Oleksandra, Ina und Swetlana, Mütter und Kinder. Die letzte Hürde ihrer Reise war, am Berliner Hauptbahnhof nicht direkt in die Arme von Menschenhändler:innen zu laufen oder von Typen, die meinen, ein traumatisiertes ukrainisches Kriegsopfer eigne sich gut als private Sexsklavin. Ihre Männer sind in der Ukraine geblieben, um zu kämpfen. Wie der Krieg die Geschlechterverhältnisse archaisiert, binnen weniger Tage, das ist atemberaubend.

Im Krieg mobilisiert der Staat Kämpfer, das sind meist Männer mit Waffen. Frauen sind "Zivilbevölkerung". Moderne Kriege sind aber nicht auf Kämpfende beschränkt, es gibt erschreckend oft sogar mehr zivile Opfer als tote Soldaten. Das macht Frauen in gewissem Sinne zu Vogelfreien. Sie haben ebenso wenig Schutz wie Männer - aber sie haben noch nicht mal Waffen. Ein Krieg generiert quasi schon weibliche Opfer, bevor überhaupt ein Schuss gefallen ist.

Wir sehen seitdem Bilder, auf denen Männer Gewalt ausüben und Frauen vor Gewalt fliehen. Die passen so gut ins Stereotyp, dass es geradezu mühsam ist, zu erkennen, dass da auch lauter gegenläufige Bewegungen stattfinden. Frauen, die sich bewaffnen, Frauen, die am Krieg teilnehmen, Frauen, denen auch auf der Flucht ungeahnte Kräfte zuwachsen. Was noch unsichtbarer ist, das ist männliche Schwäche, männliche Verletzbarkeit. Männer als Opfer des Krieges werden traditionell zu Helden erklärt und damit in eine Art Unsterblichkeit getrickst. Ihren realen Tod betrauern, das tun dann wieder Frauen. Und wieder ist das Bild des männlichen Helden und der verletzlichen Frau bestätigt.

Wenn man diese Geschlechterkonstruktion des Krieges aufweichen könnte, aufweichen würde, wäre ein Krieg dann noch so denkbar? Das klingt utopisch, aber schon jetzt machen zum Beispiel die Soldatenmütter in Russland dem Präsidenten das Kriegführen schwer. Sie beschränken sich nämlich nicht auf das Betrauern gefallener Helden. Über sie kommen Informationen über die Verletzlichkeit russischer Soldaten in Umlauf. Betrogener, weinender, verwundeter und auch gestorbener Menschen, die zufällig Soldaten sind.

Als die Bundeswehr ihre Kampfverbände für Frauen öffnete, da fragte sie sich unter anderem, warum sie das teils menschenverachtende Verhalten ihrer unteren Führungskräfte erst in dem Moment untragbar fand, in dem es Frauen zu treffen drohte. These: Weil das Bild des harten, soldatischen Mannes es vorher verboten hatte. Dieses Bild, das Menschlichkeit und Verletzbarkeit einfach grundsätzlich an die Frauen auslagert. Obwohl wir alle gleich menschlich sind und weiche, verletzliche Körper und Seelen haben – alle gleich.

Da steckt so ein Versprechen im feministischen De-Gendering, der Auflösung von starren Geschlechterkonstrukten: Wenn wir damit weitermachen, die Geschlechterbilder des Kriegs aufzuweichen – dann könnten wir irgendwann allesamt Krieg einfach nicht mehr als Mittel menschlicher Politik betrachten.

Heide Oestreich, rbbKultur

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