Straße in Kiew während des Krieges; © Yevgenia Belorusets
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Kriegsalltag in Kyjiw | rbbkultur-REIHE - Nachricht von Yevgenia: Der Morgen nach den Schüssen

Die ukrainische Schriftstellerin und Künstlerin Yevgenia Belorusets sendet jeden Tag eine Nachricht aus Kyjiw an rbbKultur, in der sie davon erzählt, wie sie den Krieg erlebt.
 
Heute berichtet sie von einer Nacht mit viel Beschuss und dem Tag danach.

Heute Abend ist hier so leer, dass wenn man fremde Schritte hört, man denkt, jemand ist sehr nahe, obwohl diese Person weit weg auf der Straße sein mag. Man fühlt sich mit jemandem zusammen wie in einem gemeinsamen leeren Wohnzimmer. Es ist ein komischer Tag, verträumt, sehr schön. Der Abend kommt und man spürt den Frühling.

Gleichzeitig denkt man darüber nach, dass genau heute hier wieder sehr brutal attackiert wurde. Ein Wohnblock wurde getroffen, 70 Menschen evakuiert, 10 Menschen verletzt, eine Person ist ums Leben gekommen. Es war so eine Morgenstunde, eine Zeit, wo viele gedacht haben, sie sind sicher in ihren Häusern. Aber anscheinend kann man nicht mehr sicher sein im eigenen Haus.

Man kann schon lange nicht mehr, aber heute, genau heute, spürt man das besonders stark. Hauswände sind verletzlich geworden. Es sind nicht mehr die Wände. Es ist eher eine Art der Haut. Ein Haus wird zu einem verletzbaren Körper, der vor nichts wirklich schützen kann. Man denkt plötzlich, es geht um eine Gefahr, für die eine Wand nichts ist, für die eine Wand ein zu kleines Hindernis ist.

Ich erinnere mich sehr gut an die Häuser, verbrannte Häuser im Donbass, die ich gesehen habe während meines Foto-Projekts, als ich eine Reise 2014 dorthin gemacht habe. Und ich habe mich immer wieder gefragt: Wie ist es? Wie kann es sein, in so einer Stadt zu wohnen, wo ein Wohnhaus, ein riesiges Haus, verbrannt sein konnte, wo der Eingang und alle Fenster schwarz sind von Feuer? Du schläfst vielleicht daneben in deiner kleinen Wohnung und weißt, dass mit dem Haus etwas dieser Art passieren kann.

Und jetzt bin ich selbst in so einer Stadt. Trotzdem, in diesem schönen Moment, schönen Abend, möchte ich die Hoffnung bewahren und ich erwarte, dass dieser Albtraum endet.

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