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Der Feine Unterschied - Die Feministische Kolumne - Mut und Ermutigung

Sie hat nur sechs Sekunden gebraucht – aber ihre gesamte Existenz aufs Spiel gesetzt: Marina Owsjannikowa, die Redakteurin des russischen Fernsehens, die diese Woche mit einem Anti-Kriegsaufruf die Lügen der Hauptnachrichten sabotierte. Haben Sie auch mal kurz in sich reingehorcht, um zu lauschen, ob Sie solchen Mut aufgebracht hätten? Heide Oestreich jedenfalls hat dabei nichts irre Heroisches gefunden – aber doch eine Ermutigung.

Ich arbeite beim Rundfunk in Deutschland. Hätte ich den Mut, wie eine Marina Owsjannikowa mit einem Antikriegsplakat vor die Kamera der Hauptnachrichten zu springen – mit völlig unabsehbaren Konsequenzen? Schwer zu sagen.

Das Faszinierende am Mut dieser russischen Journalistin ist ja die Fallhöhe, diese dramatische Wende in ihrem Leben. Sie ist ein Kind der Putinzeit, sie hat diese Propaganda als Redakteurin selbst hergestellt. Und plötzlich dreht sie um – unter Einsatz ihrer ganzen Existenz. Die Psychologie würde vielleicht sagen: die kognitive Dissonanz wurde zu groß. Die Kluft zwischen der Realität in der Ukraine und dem, was sie als Wahrheit verkaufen sollte.

Aber zwischen dieser Erkenntnis und ihrer Tat, da liegt: der Mut. Sie hätte sich ja auch problemlos seitlich in die Büsche schlagen können, krank werden, kündigen, was auch immer. Zivilcourage sagt man, wenn es nicht um diesen militärischen Mut geht, den der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskiy gerade täglich beschwört, den die ukrainischen Kämpfenden jeden Tag beweisen.

Zivilcourage ist Mut ohne Tarnkleidung und ohne Kalaschnikow. Und Zivilcourage ist weniger gegendert als dieser militärische Mut, den man – ob zu Recht oder nicht – vor allem Männern zuschreibt.

In Experimenten zu Zivilcourage, da zeigte sich oft, dass Frauen dabei sogar unerschrockener vorgehen als Männer. Männer übertrugen eher als Frauen eine Kampfstrategie auf die Situation: Sie wägten dann die Kräfte und die Risiken ab und zogen sich im Zweifelsfall eher zurück. Frauen griffen in den Versuchssituationen etwas öfter und ohne lang zu überlegen ein. "Ich musste einfach", sagten sie dann. Beides zusammen ergibt wahrscheinlich den richtigen Mix, denn Nachdenken ist ja auch nicht schlecht ...

Bleibt die Frage nach meinem persönlichen Mut. Ich bin auf jeden Fall wohl eher so ne Nachdenkerin. Aber bei dem ganzen Nachdenken und Nachlesen für diese Kolumne bin ich immer wieder über Mut-Trainings gestolpert. Ja, Mut ist trainierbar. Man würde sich zum Beispiel jeden Tag eine Situation vornehmen, in der man die mutige Variante ausprobiert und nicht die bequeme. Die, die mit den eigenen Werten übereinstimmt und nicht nur den größten Nutzen bringt. Warum? Weil mit Mut Risiken einzugehen glücklich macht, sagt die Forschung.

Und: wer keine Risiken mehr eingeht, sagt sie auch, der lebt auch nicht mehr, der ist innerlich schon tot. Marina Owsjannikowa hat also ein Zeichen äußerster Lebendigkeit gesetzt. Und diese Er-Mutigung strahlt in die ganze Welt hinaus, bis zu uns, die plötzlich anfangen, über unseren persönlichen Mut nachzudenken. Dass wir ihr dafür außer Anerkennung und Solidaritätsbekundungen nichts zurück schenken können, ist die Tragödie dabei.

Heide Oestreich, rbbKultur

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