Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 64
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Marcel Proust | Kolumne - "Die wiedergefundene Zeit" (18 - 22)

Typisch Proust, herrlich ironisch: Genau in dem Moment, als der Erzähler im Roman seinen Traum vom Schriftstellerleben aufgibt, entdeckt er aus Versehen das Rezept für seine wahre Schöpferkraft. Das kommt unserer Proust-Kolumnistin Doris Anselm bekannt vor.

Aufgeben und Loslegen

Es ist fast eine Kreativitätstechnik, die Marcel Proust hier beschreibt. Man verabschiede sich von allen Erwartungen an sich selbst und fahre stattdessen zu einer netten, aber nebensächlichen Verabredung. Dort angekommen strande man, weil man ein paar Minuten warten muss, in irgendeinem langweiligen Zimmer. Und zwar allein, das ist wichtig. Man sitze dort in einer etwas gleichgültigen Grundhaltung.

Es geht darum, die Gegenwart sozusagen auszudünnen. Was übrig bleibt an kleinen Sinneseindrücken, vor allem Geräusche, Gerüche und Tastgefühle, damit lasse man sein Bewusstsein und sein Unbewusstes einfach mal spielen. Ohne Auftrag.

Wenn man Glück hat, löst wie beim Erzähler beispielsweise das Geräusch eines Löffels auf einem Teller die Erinnerung an eine besondere Zugfahrt aus, weil damals ein Bahnarbeiter mit seinem Hammer in der Ferne ein ganz ähnliches Geräusch machte. Nun lasse man sich mitreißen ins Damals. Achtung, das kann Turbulenzen geben, weil, Zitat Proust "die gemeinsame Empfindung versucht, um sich herum den alten Ort zu schaffen, während der gegenwärtige […] sich dem Einbruch […] einer Eisenbahnböschung in ein Pariser Stadtpalais mit seinem ganzen Gewicht hartnäckig widersetzt".

Um die Zeitreise wirklich zu vollziehen, ist Mut gefragt, mehr Mut, als der Erzähler bisher hatte, wenn solche Assoziations-Erinnerungen bei ihm anklopften. Er sagt: "Immer war der gegenwärtige Ort als Sieger hervorgegangen, immer jedoch war der Besiegte mir als der Schönere erschienen […]."

Diesmal folgt er kompromisslos der Schönheit. Die entsteht vermutlich daraus, dass sich unser Gedächtnis nur bei intensiven, emotionalen Momenten die Mühe macht, sie mit ihrem kompletten Paket von Sinneseindrücken zu speichern. Dem Erzähler wird jetzt beim Kopfsprung in die verlorene Zeit klar, dass seine spärlichen, aber intensiven Einfälle fürs Schreiben ihn immer auf eine ganz ähnliche Art überfallen hatten. Nämlich, Zitat: "als ob unsere schönsten Ideen Melodien glichen, die uns wieder einfielen, ohne dass wir sie jemals gehört hätten, und die wir uns nun bemühten zu hören und in uns aufzuzeichnen."

Ach Mensch, da tut es mir jetzt richtig leid, dass ich neulich den Mittelteil des Romans gedisst hab, weil der Erzähler da oft so nervtötend weltabgewandt in seinem Seelenleben rumkramt. Proust hat damit einfach vorgeführt (in strapaziöser Realtime), dass ein angehender Künstler eben noch keine Ahnung hat, wie und wo er seinem inneren Lärm die Melodie ablauschen soll.

Gerechtigkeitshalber darf Marcel Proust jetzt aber zurückdissen: Mit wenigen Sätzen zerstört er die beliebte Forderung, Literatur solle ein besonders relevantes Stück Realität sozusagen neutral "abfilmen".

Unser Romanteil der Woche ist für mich aber trotzdem, wie sagt man? Ganz großes Kino.

Doris Anselm, rbbKultur

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