Kyjiw im Krieg – Lockdown; © Yevgenia Belorusets
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Kriegsalltag in Kyjiw | rbbkultur-REIHE - Nachricht von Yevgenia: Nach dem Lockdown

Die ukrainische Schriftstellerin und Künstlerin Yevgenia Belorusets sendet jeden Tag eine Nachricht aus Kyjiw an rbbKultur, in der sie davon erzählt, wie sie den Krieg erlebt.

Die vorige Nacht in Kyjiw verging mit sehr großer Spannung und für viele mit sehr wenig Schlaf. Kyjiw war ständig unter Attacke, unter Raketenbeschuss. Es gab sehr seltsamen Bilder auf Telegram-Kanälen. Silberne Streifen zogen sich in der Dunkelheit durch die Nacht. Jemand schrieb in den Kommentaren: es sind Phosphor-Beschüsse. Es sind vielleicht Phosphor-Bomben …

Wer weiß, was es war? Aber am Morgen gab es wirklich eine Bestätigung: Phosphor-Beschuss. Man kann noch nicht von Phosphor-Bomben sprechen, aber Phosphor war in der Luft. Viele sind verletzt, einige sind ums Leben gekommen. Die genaue Zahl muss noch geklärt werden, aber die Zahl der Verletzten und Gestorbenen in Kyjiw wächst jeden Tag. Es sind bereits mehr als 260 Menschen.

Und trotzdem war es heute sehr warm. Es war angenehm. Man spürte den Sommer in der Luft und ich sah sehr viele Menschen spazieren gehen, einige sah ich joggen - sogar zu der Zeit, als es schon Luftalarm gab und man dringend in den Schutzbunker gehen sollte oder wenigstens in die eigene Wohnung. Aber die Menschen wollten das nicht wissen, wollten davon anscheinend nichts hören. Endlich konnten sie nach einem langen Lockdown raus. Außerdem öffnen einige kleine, winzige, Geschäfte ihre Türen und versuchen etwas zu tun für die Menschen in Kyjiw. Sie versuchen da zu sein, eine friedliche Normalität darzustellen.

Ich habe erfahren, dass heute eine Journalistin ums Leben gekommen ist. Oxana Baulina war ihr Name. Sie arbeitete für Russland und Polen und eigentlich für die russischen oppositionellen Medien. Sie war in einem Nachbarbezirk ganz in meiner Nähe unterwegs zu einem von Beschuss zerstörten Haus. Und dieser beschossene Ort wurde wieder angegriffen, als sie und die Menschen, die sie begleitet haben, dort waren. Einige wurden getötet, einige verletzt. Ich schaute immer wieder auf ihr Gesicht und dachte: es könnte jeder von uns sein.

Es ist sehr merkwürdig zu sehen, wie unterschiedlich das Leben nur in einer kleinen Stadt ist. Einige versuchen nicht darüber nachzudenken, was passiert und machen ihre Übungen in einem kleinen Park. Andere fahren direkt zu der Zone des Schmerzes, direkt zu einer Zerstörung - und dann werden sie wieder beschossen.

Ich versuche mich auf mein Schreiben zu konzentrieren und will wirklich hoffen, dass es viel schneller als alle Experten vorhersagen zu Ende geht.

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