Rauch am Himmel über Kiew © Yevgenia Belorusets
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Kriegsalltag in Kyjiw | rbbkultur-REIHE - Nachricht von Yevgenia: Glauben

Die ukrainische Schriftstellerin und Künstlerin Yevgenia Belorusets sendet jeden Tag eine Nachricht aus Kyjiw an rbb Kultur, in der sie davon erzählt, wie sie den Krieg erlebt.

Es ist ein trüber, dunkler Tag. Gestern war es ein wenig warm und heute ist es plötzlich kalt und der Himmel ganz grau. Menschen - erschrocken, vorsichtig, unfreundlich - bitten mich mehrmals, keine Fotos zu machen. Ich mache ihnen klar, dass ich keine Fotos mache. Alle sagen "Vierundzwanzigster" - und ich verstehe: Es ist genau ein Monat seit Beginn des Krieges vergangen. Und dieses Datum, obwohl es eigentlich nicht viel bedeutet, jagt uns alle.

Ich denke, am 24. Februar konnte niemand wirklich glauben, dass der Krieg so lange dauern kann, so unerträglich war jede Minute, war jede Stunde und in den ersten Tagen dauerte jede Stunde unendlich lange. Man hatte aber einen sehr starken Glauben, dass das alles bald zu Ende sein würde. Man müsse nur noch ein wenig warten, nur ein paar Tage und das alles endet.

Und jetzt verliere ich anscheinend oft ein Gefühl für die Ereignisse - für alles, was um mich herum passiert. Aber wenn sich etwas meinem Körper nähert, bin ich wieder da. Ich kann wieder denken, reden und spüren.

In diesem Moment füllt sich meine Wohnung langsam mit einem Rauch. Ich bekomme die Nachricht: Kyjiwer, bitte kommt nicht nahe an die Fenster! Schließt dringend alle Fenster in euren Wohnungen! Es gibt riesige Brände um Kyjiw herum. Am rechten Ufer des Flusses Dnepr brennt Wald. Es gab Raketenbeschlüsse und anscheinend wurden einige Wohnhäuser zerstört, man weiß noch nicht welche und wie viele. Es ist klar, dass sich die Luft in ganz Kyjiw verändert hat und voll von Rauch ist.

Heute hat mir meine Freundin ihre Geschichte erzählt, wie sie mit ihrem kleinen Sohn vor einem Monat, am 24. Februar, aus Donbass geflohen ist – eilig, ohne etwas mitzunehmen. Zufällig - in einer Minute entschied sie wegzufahren. Seit 3 Uhr in der Nacht gab es heftige Beschüsse. Ihre Wohnung wurde etwas beschädigt und die Entscheidung sollte sie in einer Minute treffen. Sie hat diese Abreise nicht geplant. Dann erzählte sie mir, dass sie sich jetzt die ganze Zeit Sachen kauft, die sie nicht mehr braucht - irgendwelche zusätzlichen Socken oder Zahnbürsten. Sie ist ohne irgendetwas abgereist. Sie hat alles zurückgelassen – alles, was ihr gehörte. Alle Kleinigkeiten, die mit Erinnerungen und mit der Familie verbunden sind. Dann ist ihr Mann geflohen. Einen Tag später. Er hat seine Eltern zurückgelassen, die bis zum letzten Moment nicht fliehen wollten. Zum Begräbnis seines Vaters konnte er nicht fahren. Es ist unglaublich gefährlich, unzugänglich. So lebt jetzt das ganze Land. Aber dieser Glauben an Frieden, daran, dass der Krieg doch nicht möglich ist und aufhören wird - bald aufhören wird -, existiert auch jetzt. Ich denke, er ist sogar noch stärker geworden als er war.

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