Mit Sandsäcken geschützte Denkmäler am Historischen Museum in Kyjiw; © Yevgenia Belorusets
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Kriegsalltag in Kyjiw | rbbkultur-REIHE - Nachricht von Yevgenia: Informationsmangel

Die ukrainische Schriftstellerin und Künstlerin Yevgenia Belorusets sendet jeden Tag eine Nachricht aus Kyjiw an rbb Kultur, in der sie davon erzählt, wie sie den Krieg erlebt.

Seit dem frühen Morgen steht Kyjiw heute unter Beschuss. Man hört Explosionen. Unterschiedliche Berichte kommen aus weiten Bezirken der Stadt: Man hört von Kämpfen und Beschüssen – anscheinend gibt es eine direkte Gefahr. Aber es ist sehr schwer zu verstehen, was und wo genau etwas passiert. Die Nachrichtenkanäle versuchen darüber gar nicht zu sprechen, nichts Genaues zu sagen. Über das Wesentliche wird einen Tag, zwei Tage später berichtet. Man darf dem Feind keine genauen Informationen geben. Gleichzeitig bekommen auch die Kyjiwer keine genauen Informationen. Man hört etwas von den Nachbarn, von einem Verkäufer, von einem Bekannten - aber nicht mehr aus einer sicheren Quelle.

Es gab Luftalarm, aber meine Mutter und ich entschieden uns spazieren zu gehen. Wir waren ziemlich leichtsinnig gelaunt und wir wollten einander aufheitern. Wir erzählten uns irgendwelche lustigen Geschichten und ich erinnere mich, dass ich wirklich laut gelacht habe. Und dann sahen wir plötzlich etwas Komisches am Himmel und wir hörten ein lautes, unerträgliches Brüllen. Es war eine Rakete. Meine Mutter sagte: "Schau, es ist wirklich eine Rakete! Jetzt sehen wir es, wir sind die Zeugen!"

Wir wissen nicht, was mit dieser Kette passierte. Wir wissen nicht, ob jemand verletzt wurde. Die Nachrichten schwiegen. Wir konnten nichts erfahren. Aber so weiterreden konnten wir auch nicht mehr. Wir sprachen über die Warteschlangen. Meine Mutter erzählte mir wieder etwas, das ich wusste: Von einer Warteschlange im halbbesetzen Tschernihiw. Die Menschen haben versucht, Brot zu kaufen. Diese Warteschlange wurde attackiert. Einfach beschossen. Die Menschen starben während des Versuches, Brot für ihren Nächsten zu kaufen. Und sofort sah ich die zahlreichen Warteschlangen in Kiew vor meinen Augen: Warteschlangen vor den wenigen Apotheken, die offen sind, wo die Menschen stundenlang stehen, um für ihre Nächsten etwas Wichtiges zu kaufen - auch während des Luftalarms, auch an den Tagen, wo die Gefahr überall in der Luft spürbar ist, wo nur wenige, fast niemand auf der Straße ist.

Ich frage mich, wie es sein kann, dass solche Kriegsverbrechen heutzutage immer noch passieren dürfen?

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