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Kriegsalltag in Kyjiw | rbbkultur-REIHE - Gespräch mit Yevgenia

Gestern kam aus dem russischen Verteidigungsministerium die Nachricht: Die Angriffe in der Nähe der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw und der Stadt Tschernihiw sollen deutlich zurückgefahren werden. Und zwar um das Vertrauen zwischen russischen und ukrainischen Unterhändlern zu stärken, die gerade in Istanbul miteinander sprechen. Normalerweise senden wir an dieser Stelle eine Nachricht der ukrainischen Schriftstellerin und Künstlerin Yevgenia Belorusets aus Kyjiw. Heute sprechen wir mit ihr, wie sie die vergangene Nacht in der ukrainischen Hauptstadt erlebt hat.

rbbKultur: Frau Belorusets, gestern kam aus dem russischen Verteidigungsministerium die Nachricht, dass die Angriffe in der Nähe der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw und in der Stadt Tschernihiw deutlich zurückgefahren werden sollen. Ein Hauch von Hoffnung kam auf – doch jetzt mehren sich die Stimmen, die von einem Täuschungsmanöver sprechen und nur einer Verlagerung der Streitkräfte. Wie haben Sie und Ihre Freunde und Ihre Familie denn auf diese Nachricht reagiert?

Yevgenia Belorusets: Danke für die Frage. Eigentlich mit Misstrauen. Nicht, weil wir irgendwelche Vorurteile gegen die Verhandlungen haben, sondern weil Kyjiw seit dem frühen Morgen sehr intensiv beschossen wurde. Wir hörten die Beschüsse, wir hörten die Arbeit der Luftabwehr. Und es war sehr schwer für meine Eltern und für meine Freunde, vor diesem Hintergrund an etwas zu glauben.

Für mich war es anders. Ich war eigentlich sehr positiv gestimmt. Ich habe geglaubt, es ist ein wichtiger Schritt. Es ist gut, wenn wir etwas Zeit gewinnen und es bedeutet weniger Tod. So dachte ich eigentlich.

rbbKultur: Sie sagten, Sie haben die Raketen gehört, die in der Luft abgefeuert wurden, aber auch die, die abgewehrt wurden. Wie können Sie das denn unterscheiden? Kann man das hören?

Belorusets: Man hat die Vision bzw. es ist eine Art "Schule des Krieges": Wenn man lange unter Kriegsbedingungen lebt, dann beginnt man unterschiedliche Geräusche ein wenig zu unterscheiden. Ich denke, ich unterscheide eine Rakete, die frei fliegt von einem einfachen Luftabwehrgeräusch und ich spüre, wenn etwas Kyjiw erreicht.

Ich muss sagen, dass es gestern Nacht, nach den Verhandlungen und nachdem ich so positiv gedacht habe, schon Angriffe auf Kyjiw gab. Ich saß in meiner Küche. Ich wollte die Fenster nicht verdunkelt. Ich hatte sehr gute Laune. Dann hörte ich zuerst Sirenen und die Warnsignale. Ich habe nicht besonders reagiert, weil ich mich schon sehr an diese Signale gewöhnt habe und schon seit Tagen nicht mehr in den Schutzbunker gehe, wenn ich sie höre. Plötzlich hörte ich wieder dieses sehr schreckliche Geräusch, dass etwas auf die Erde fällt. Ich wusste, dass man es nicht stoppen konnte und dass Kyjiw wieder getroffen wurde. Aber wo, das ist noch nicht klar.

rbbKultur: Das heißt, in dem Moment ist Ihr Optimismus wieder in den Keller gerutscht …

Belorusets: Ich denke, es ist wirklich wahr. Ich verfolge die Nachrichten sehr aufmerksam und schaue auf Satelliten-Aufnahmen. Ich sehe wirklich schreckliche Bilder. Dass russische Panzer durch belarussische Städte fahren und Zeugen behaupten, sie fahren weg von der ukrainischen Grenze. Das sind die Tatsachen und ich denke, bestimmte Teile der russischen Armee werden wirklich von Kyjiw weggeführt. Aber die Situation für sie war auch sehr kompliziert. Sie konnten sich nicht weiterbewegen und der Angriff auf Kyjiw wurde ziemlich erfolgreich von der ukrainischen Armee gestoppt.

Das Gespräch führe Susanne Papawassiliu, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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