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Der feine Unterschied - Die Feministische Kolumne - Im falschen Film mit Will Smith

Der Aufreger der Woche: Ein Schauspieler ohrfeigt auf offener Bühne einen Komiker - und bekommt dann einen Schauspielpreis. Bis alle kapierten, dass das gar kein Schauspiel war, dauerte es ein bisschen. Und bis die Oscar-Academy realisierte, wie deplatziert diese Ehrung im Anschluss an einen Gewaltausbruch ist, dauerte es noch ein bisschen länger. Nun startet eine Art Disziplinarverfahren, das mit einem Ausschluss von Will Smith aus der Filmakademie enden könnte. Und Heide Oestreich ist im falschen Film.

Im falschen Film mit Will Smith

Der Beitrag des Schauspielers Will Smith zur aktuellen Männlichkeitsdebatte war kurz, eindrücklich – und symptomatisch: "Du beleidigst meine Frau – ich hau' Dir eine rein".

Symptomatisch in so vielen Hinsichten. Er zeigt an, wo wir gerade stehen in Sachen toxischer Männlichkeit. Ein gefeierter und geehrter Schauspieler meint, ein körperlicher Angriff käme als Mittel einer Auseinandersetzung in Frage. Dieser Angriff wird allerorten als "Ausraster" oder als "Watschn" verharmlost. Dazu wird er als Verteidigung seiner gesundheitlich eingeschränkten Frau verkauft. Es gibt weibliche Sekundantinnen: Eine Schauspielerin erklärt, dass sich dies doch jede Frau eigentlich von einem Mann wünsche. Und die Verantwortlichen finden keine angemessene Reaktion: Die Show geht einfach weiter, der Täter wird sogar noch geehrt.

Zugleich aber merken alle schon: Hier läuft der falsche Film. Geht gar nicht. Will Smith steckte offenkundig in einer Mischung aus Kopfkino und Filmrolle fest. Und der Rest in so einer Art kollektivem Kopfkino: das Patriarchat als Zombie-Apokalypse.

Dass Gewalt im Jahr 2022 irgendwie nicht geht, war nämlich doch sehr schnell klar. Verstörender ist, dass dieser körperliche Angriff als so eine Art Verteidigung durchging – und damit durch die Hintertür quasi wieder legitimiert wurde. Und dass die Tat sogar noch geadelt wird zum Wunsch der – ja was eigentlich – nicht verteidigungsfähigen, hilflosen Frau? Jada Pinkett Smith spielte in dieser Szene leider und ungefragt eine sehr undankbare Rolle: Die einer narzisstischen Erweiterung ihres Mannes. Nach dem Motto: "Über die Frau eines Will Smith macht man nicht ungestraft schlechte Scherz". Das ist keine Verteidigung, sondern die Entmündigung einer Frau. Die Academy hat diese Fiktion dann quasi noch mit einem Oscar gekrönt – als sei die Tat gar nicht passiert.

Verharmlosung, Legitimation, Leugnung: Die Dreifaltigkeit patriarchaler Fiktionen. Aber da wir das Jahr 2022 haben, ist auch klar: Das hier ist nur noch ein Zombiefilm. Will Smith hat sich umfassend entschuldigt. Die Academy auch. Die Männlichkeitsdebatte geht munter weiter. Und Zombies, sagt die Fachpresse, sind zwar kurzfristig gefährlich, aber meist ja auch schon in sehr schlechtem Zustand. Der Rat: Einfach abwarten, bis die Verwesung ihr Werk vollendet.

Heide Oestreich, rbbKultur