Harald Welzer, Sozialpsychologen u. Autor © Debora Mittelstaedt
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Bild: Debora Mittelstaedt

Krieg in der Ukraine - Wie gehen wir mit der aktuellen Kriegsrhetorik um?

Die Sprache hat sich seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine verändert. Es geht nun wieder um Begriffe wie Aufrüstung, Angriffskrieg, Völkermord, ein "kompromissloser Kampf gegen das Böse". Die Spirale dreht sich seit den Bildern von möglichen Gräueltaten in der Ukraine immer schneller. Wie gehen wir mit der aktuellen Kriegsrhetorik um? Darüber sprechen wir mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer.

rbbKultur: Herr Welzer, welche Worte haben sich denn neu in die Diskussion gemischt?

Harald Welzer: Neu kann man nicht sagen. Es sind ja neue alte Worte. Aber wir haben seit Kriegsbeginn eine totale Renaissance von Begriffen wie "Kämpfen", "Tapferkeit", "Kämpfen bis zum Ende". Wolodymyr Selenskyj hat in einer Rede gesagt: "Wir sterben auch für Euch."

Der Held ist wiederauferstanden - insbesondere der männliche Held. Da werden Begriffe aufgerufen, die uns eigentlich eher an 1914 erinnern als an 2022.

rbbKultur: Was passiert mit uns, wenn solche Begriffe verwendet werden? Wie sind sie konnotiert?

Welzer: Begriffe sind immer Deutungen von Wirklichkeit. Es steckt immer - je nachdem, welche Begriffe wir verwenden - schon eine Deutung darin. Und wenn wir diese Umstellung der Rhetorik haben, dann sehen und interpretieren wir die Ereignisse natürlich im Kontext dieser Begriffe. Das ist nicht ganz unwesentlich.

rbbKultur: Was heißt das?

Welzer: Das heißt, dass solche "Formen" des militaristischen Auftretens, der kämpferischen Argumentation, der Entscheidungsstruktur zwischen Gut und Böse - also binäre Bilder - diese Auseinandersetzung um diesen Krieg dominieren. Das kann man auch beobachten. Und das ist meines Erachtens ungut, weil Differenzierung eigentlich immer eine gute Sache ist - insbesondere dann, wenn es um komplexe Entscheidungen geht wie die, vor der die Bundesregierung permanent steht.

rbbKultur: Bedeutet das jetzt im Prinzip, dass diese Begriffe auch einen gewissen Druck ausüben, dem man nicht nachgeben sollte?

Welzer: Ich finde es eigentlich sehr wohltuend, dass sich die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker diesem Druck bislang relativ standhaft gegenüber zeigen. Dieser Druck ist ja massiv. Aus meiner Sicht hat das mit den neuen Medien zu tun. Das es hat es früher überhaupt noch nicht gegeben: Dass Staatspräsidenten, Außenminister oder Botschafter medial so präsent sind, dass sie in Talkshows mit deutschen Politiker:innen auftreten - und dass dann Moderator:innen das noch übersetzen in weiteren Druck: "Machen Sie jetzt einen historischen Fehler?" und so weiter. Auch die Reden von Selenskyj in den Parlamenten hätte es ohne diese Medien überhaupt nie gegeben.

Wir haben den "Sound des Krieges" in noch zivilen Umgebungen. Das halte ich nicht für gut.

rbbKultur: Nach Selenskyjs Rede im Bundestag gab es ja auch eine heiße Diskussion: Sollte man danach zur Tageordnung übergehen oder sofort reagieren? Ich glaube, Sie plädieren da eher für einen Stopp, für ein Nachdenken darüber …

Welzer: Nachdenken ist ja nie verkehrt. Insbesondere in Gewaltsituationen und bedrohlichen Eskalationsszenarien ist Nachdenken das Wichtigste, was man überhaupt tun kann. Wenn kaum, dass man eine Maßnahme beschlossen hat, schon wieder die Rufe kommen, die nächste zu beschließen und die von der betroffenen Seite auch noch massiv - und natürlich legitimerweise - artikuliert werden, dann entstehen Druckszenarien, die möglicherweise ungut sind.

Der wichtigste Punkt für mich ist, dass man sich Putins Regie unterwirft, wenn man permanent drauf reagiert, wie er agiert. Insofern ist das Wichtigste - gerade in Stresssituationen -, dass man sich Räume zum Abwägen sucht und nicht wie ein Pawlowscher Hund dauernd reagiert, weil unter anderem die Medien dazu antreiben.

rbbKultur: Und dann ist wahrscheinlich auch sprachliche Sorgfalt wichtig …

Welzer: Ja, aber das ist natürlich auch immer die Spiegelung eines Sachverhalts. Wenn plötzlich alle bellizistisch reden, dann wird das etwas Normales. Übrigens noch ein Hinweis: Beim Irakkrieg hatten wir tatsächlich eine große gesellschaftliche Debatte zwischen sogenannten Pazifisten und sogenannten Bellizisten. Das fiel hier komplett aus - man richtet sich gewissermaßen kollektiv auf Kriegsrhetorik und Kriegssituation ein.

Das Gespräch führte Ev Schmidt, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.