Altes Museum, Museumsinsel Berlin © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
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Funde von der Insel Samos - Internationaler Tag der Provenienz

Die Berliner Antikensammlung der Staatlichen Museen umfasst auch antike Meisterwerke, die vor mehr als 100 Jahren illegal von der Mittelmeer-Insel Samos eingeführt wurden. Am internationalen Tag der Provenienz berichtet Maria Ossowski über die Funde von der Insel Samos in Berlin.

Es war eine chaotische Zeit. Die Insel Samos, vom Fürsten Andreas halbautonom regiert, gehörte eigentlich zum Osmanischen Reich und ab 1912 - der Fürst war ermordet - zu Griechenland. Der Boden der Insel in der östlichen Ägäis vor der türkischen Küste war voller antiker Schätze. In den Königlichen Museen zu Berlin fehlten hingegen archaische Grabungsfunde, Kunstwerke aus dem 6. oder 7. Jahrhundert vor Christus.

Fundteilungsverträge, die legal erscheinen sollten

Der Abteilungsdirektor der Königlichen Museen, Theodor Wiegand, und sein Mitarbeiter Martin Schede setzten für ihre Grabungen 1910 bis 1914 Fundteilungsverträge mit den Behörden vor Ort auf - alles sollte legal erscheinen und war es bei mindestens einem Dutzend der 280 Funde doch nicht. Das hat die Provenienzforschung jetzt ergeben.

Martin Maischberger, stellvertretender Direktor der Antikensammlung, verweist auf eine Gewandstatue, eine Frau ohne Kopf. Sie steht in der Dauerausstellung: die Ornithe von Samos, geschaffen vom Bildhauer Geneleos:

"Es handelt sich dabei um eine von sechs Skulpturen einer Familiengruppe - eine der ältesten Familiendarstellungen der griechischen Antike überhaupt - die wahrscheinlich vom Familienvater gestiftet wurde in das Heiligtum der Hera. Ornithe hat als einzige aus dieser Gruppe den Weg nach Berlin genommen - und zwar, wie wir jetzt so gut wie hundertprozentig sagen können, nicht im Zuge der offiziellen Fundteilung."

Nächtlicher Transport nach Berlin

Es gibt Briefe, Schriftstücke, die das beweisen: Nachts wurden die größeren Funde per Schiff heimlich nach Berlin gebracht. Kleinere hat man beim Fund schnell wieder eingegraben und im unbeobachteten Moment ausgegraben und zur Seite geschafft. Sie wurden einfach per Post nach Berlin geschickt. 280 Stücke insgesamt kamen aus Samos nach Berlin. Ein Dutzend illegal.

Und der Rest?

Martin Maischberger: "Für das verbleibende Gros von rund 250 Objekten steht der Verdacht im Raum, weil sie in den offiziellen Dokumenten der Fundteilung nicht auftauchen, dass auf sie das gleiche zutrifft wie auf dieses Dutzend, für das wir es punktuell belegen können."

Unter Verschluss im Alten Museum

Die Berliner Museumsherren wussten, dass die Ausfuhr illegal war und versteckten die Funde zunächst.

Martin Maischberger: "Sie wurden sekretiert. Sie wurden in einem Raum im Alten Museum unter Verschluss gehalten, nur wenige wußten Bescheid. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg hat man sich dran getraut - nachdem die Objekte zwischenzeitlich von der Roten Armee in die Sowjetunion abtransporiert und 1958 zurückgegeben worden waren - sie erstmalig auszustellen und dann auch systematisch zu publizieren."

Und jetzt? Rückgabe erst nach Gesprächen

Greifenköpfe, Weihwasserständer, ein Panzertorso, bronzene Votivgaben - alles wurde vorbei an offiziellen Behörden nach Berlin geschafft. Nicht als Schatzgräberei, sicher eher wissenschaftlichem Erkenntnisstreben geschuldet. Auch ist es in diesem Fall kein koloniales Unrecht, denn die Grabungen waren erlaubt und fanden in Europa statt - jedoch waren die Machtverhältnisse asymmetrisch. Noch bei der Neugestaltung der Dauerausstellung in der Antikensammlung 2010 ahnte keiner der Kuratoren, dass diese Exponate illegal ins Land gekommen waren.

Und jetzt? Rückgabe an griechische Institutionen würde erst dann ein Thema, so Christina Haack, die stellvertretende Generaldirektorin der Staatlichen Museen zu Berlin, wenn Gespräche stattgefunden hätten. Jetzt werden die griechischen Stellen erst einmal informiert.

Christina Haack: "Damaliges Unrecht ist heute noch genauso unrecht. Nur weil knapp 100 Jahre vergangen sind, macht es den Tatbestand nicht besser. Aber üblicherweise gehen wir in Gespräche miteinander. Natürlich können wir uns vorstellen - aber da muss unser Gegenüber auch die gleichen Vorstellungen haben zu sagen: gibt es etwas, das Dauerleihgaben sein können? Wir können uns auch vorstellen, gemeinsame Forschungsprojekte aufzubauen über diese Fragestellung, was die Grabungskontexte der Königlichen Museen angeht."

"Konstantinopel – Samos – Berlin. Verpfändung, Fundteilung und heimliche Ausfuhr von Antiken am Vorabend des Ersten Weltkrieges" - so heisst die Publikation zur Provenienzforschung als Ergebnis intensiver Forschungen der vergangenen Jahre. Sie zeigt, dass wir sehr genauer auch jene Exponaten betrachten müssen, die vermeintlich legal in die Berliner Museen gelangt sind.

Maria Ossowski, rbbKultur