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Bild: Jüdisches Museum Berlin. Foto: Roman März

Jüdisches Museum Berlin - "Wir träumten von nichts als Aufklärung". Moses Mendelssohn

Zuwanderer, Aufklärer und Selfmade-Intellektueller: Moses Mendelssohn war schon zu seiner Zeit eine europäische Berühmt­heit und ist bis heute eine zentrale Gestalt des deutschen Judentums. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum erzählt von Mendelssohns Leben in Berlin und zeigt ihn inmitten einer Zeit des Umbruchs und Aufbruchs als Integrations­figur polarisierender Kräfte. Maria Ossowski berichtet.

Welch ein Moment. Ein kleiner, schwächlicher Junge, 14 Jahre alt, der auch noch stottert, betritt 1742 durch das Hallesche Tor die Stadt Berlin. Er ist seinem Rabbiner gefolgt, fünf Tage zu Fuß von Dessau aus war er unterwegs. Eine Aufenthaltsgenehmigung besaß er nicht, dafür die profunde Bildung eines Thora-Schülers. Auf zwanzig Generationen jüdischer Gelehrter konnte seine Mutter zurückblicken.

Mendelssohn brauchte das freie Berlin - und noch mehr brauchte die Stadt ihn

Moses Mendelssohn brauchte das freie Berlin, und noch mehr brauchte die Stadt ihn. Die Kuratorin Inka Bertz erklärt dazu, dass Mendelssohn wahrscheinlich nur in Berlin, in dieser Zeit, in diesem Kairos, diesem glücklichen Augenblick, seine Wirkung entfalten konnte.

"Die Gelehrtengesellschaft", so Bertz, "war sehr offen, denn es gab in Berlin keine Universität, stattdessen eine Bürgeraufklärung. Es gab keine beamteten Gelehrten, die das Denken überwachten. Der Hof war weit weg. Die Bürger organisierten sich in Gelehrtengesellschaften wie der Mittwochsgesellschaft."

Demütigende Restriktionen für Juden

Demütigende Restriktionen für Juden allerdings gehörten ebenfalls dazu. Im General-Reglement Friedrichs des Großen für die Juden von 1750 lesen wir:

"Die überhandnehmende Vermehrung der Juden fügt den christlichen Kaufleuten ungemeinen Schaden zu. Außerordentliche Schutzjuden sind nicht befugt, ein Kind anzusetzen noch zu verheiraten."

Mendelssohn entging der Strafe, weil er den ungeliebten Brotberuf des Seidenhändlers ausübte, der ihn berechtigte, in Berlin zu leben, zu heiraten und eine Familie zu gründen.

Die Ausstellung zeigt aus dem sogenannten Judenporzellan der Familie einen hässlichen Affen. Juden mussten vom Staat Porzellan kaufen, um zu heiraten. Ob dies auch für Moses Mendelssohn galt, ist sehr umstritten. In seiner Familien jedenfalls wurde der Affe bis ins 20. Jahrhundert hinein weitervererbt.

Aufklärung als Kraft der Vernunft

Das Leben Mendelssohns, seine Wirkung in seiner Zeit und sein Nachruhm werden in sieben Räumen mit 350 Exponaten präsentiert. Immer beweist sich die ungeheure Modernität dieses Weltendenkers. Er träumte von der Aufklärung als Kraft der Vernunft. Diese Vernunft sollte ihr Gegenteil besiegen, die "Schwärmerey" - das, was wir heute Verschwörungstheorie oder Esoterik nennen: "Die Vernunft kann nur sprechen, die Schwärmerey jedoch organisiert sich in Zirkeln und wirbt um Anhänger."

Momente, die wir im 21. Jahrhundert immer wieder erleben und auf die die Ausstellung niederschwellig und meinungsstark verweist.

Mendelssohn blieb seiner Herkunft treu, ein Übertritt zum Christentum wäre ihm unmöglich gewesen. Die Religionen weiß er zwar gleichberechtigt, aber sie bleiben für ihn sehr unterschiedlich.

Inka Bertz: "Er als Jude, der Jude bliebt und der sich nicht nur wie andere Juden vor ihm schon mit Naturwissenschaften beschäftigte, aber vor allem mit Philosophie, und die christliche Philosophie kannte. Das war ganz wichtig."

Mendelssohn war bis zu Einstein der am meisten abgebildete Jude in der Geschichte. Die Porträts von Anton Graff und Johann Christoph Frisch zeigen das wache, durchgeistigte Antlitz mit den warmen, dunklen Augen. Wunderbar, ein Ölgemälde seines Disputes mit Lessing und dem schweizer Pfarrer Johann Kasper Lavater. Lessing blickt fast arrogant über den christlichen Theologen hinweg, im Hintergrund bringt Mendelssohns Frau Fromet aus dem Dunkel heraus ein Tablett mit Erfrischungen.

Eine vielfältige Dokumentation der Figur Mendelssohn

Mendelssohn als Aufklärer, als Pädagoge, als Netzwerker, als Kunstkritiker, als Philosoph, als Vorbild von Lessings "Nathan dem Weisen" und als Idol – die Wirkmächtigkeit dieser Figur dokumentiert das Jüdische Museum unglaublich vielfältig.

Am Ende stehen wir vor einer riesigen Gedenktafel, einem Original von 1829. Freunde ließen sie an seinem Haus in der Spandauer Straße anbringen. Für den Kurator Thomas Lackmann ist diese Tafel "... der Hammer. Selbst wenn es nicht die Gedenktafel für einen kleinen, buckligen Juden ohne Bürgerrechte wäre, würde man sagen 'Hoppla!'. Für keinen Adligen, keinen General gibt es solch eine Tafel, da haben sich die Verehrer, die Freunde und die Familie zu seinem hundertsten Geburtstag 1829 etwas Grandioses geleistet. Die Tafel hing bis zum Abriss des Hauses, dann um die Ecke, dann war sie verschollen, nach dem Krieg tauchte sie zerbrochen wieder auf. Aber immerhin - sie existiert, und es ist sogar noch ein ganz kleines bisschen Goldstaub drin in den Buchstaben."

Maria Ossowski, rbbKultur