Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 68 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Marcel Proust | Letzte Folge unserer Kolumne - "Die wiedergefundene Zeit" (37 - 39): Ein Leben nach dem Proust?

Wir sind am Ende - am Ende dieses siebenbändigen Romans. Das heißt auch: Jetzt kommt zum letzten Mal "Lust und Frust mit Proust". Die Berliner Autorin Doris Anselm war mit ihrer wöchentlichen Kolumne zum Buch fast eineinhalb Jahre lang beim Lesen immer an und auf unserer Seite. Da stellt sie sich sich jetzt schon die Frage: Gibt es ein Leben nach dem Proust?

Ein Leben nach dem Proust?

Jetzt bin ich also hier fertig. "Fertigsein" hat ja immer sehr verschiedene Gefühls- und Bedeutungsebenen. Man ist je nach Lage und Temperament stolz, erschöpft, erleichtert, man bereut so dies und das, man schmiedet neue Pläne, oder man fällt erst einmal in ein tiefes Loch. Und auch der Blick auf das, womit man fertig ist, ändert sich.

Mein Blick auf diesen Roman war gerade eben noch ein Werkzeug, das sozusagen mittendrin gesteckt hat. Ich habe zwischen Proust und der Welt hin- und hergeguckt, zwischen Proust und mir, zwischen mir und anderen Leuten, die sich mit Proust beschäftigt haben. Und plötzlich ist mein Blick ein Rückblick.

Was bleibt von dieser Kolumne? Dass sich der Erzähler bei Proust grad ähnliche Gedanken macht, ist wenig tröstlich, sondern liest sich von heute aus gesehen fast schon kokett. Da steht: "Zweifellos würden auch meine Bücher wie mein Wesen aus Fleisch und Blut schließlich eines Tages vergehen. Aber man muss sich eben abfinden mit dem Tod. Man nimmt die Vorstellung hin, dass in zehn Jahren man selbst nicht mehr ist, und in hundert Jahren die Bücher, die man geschrieben hat nicht mehr existieren.“

Haha, jetzt HABEN wir hundert Jahre später, und hier sitze ich mit dem Buch. Und ja, doch: ich fand es toll. Aber auch nicht ganz so unfassbar grandios, wie der Literaturbetrieb das zu verlangen scheint, und weshalb er Proust noch immer diese Wahnsinns-Aufmerksamkeit schenkt, von der ich ein Teil bin.

Gerecht ist das nicht. Hätte man mir bei der Anfrage für dieses Projekt die Wahl gelassen: lies Proust – oder lies Colette, Jane Austen, Ingeborg Bachmann, dann hätte ich wohl eine der Autorinnen gewählt. Aber Proust war schon gesetzt. Na gut, für sein Geburtstagsjubiläum kann man nichts. Nächstes Jahr hat übrigens Colette ihren 150. Nur, um das mal gesagt zu haben, räusper.

Jetzt freue ich mich erstmal darauf, wieder in mein eigenes Schreiben abzutauchen. Ich hab’ aber auch Angst davor. Ein Kunstwerk, das es noch nicht gibt, fühlt sich stets erstmal unmöglich an. Absurderweise wird das schlimmer, wenn man schon eine konkrete Idee hat. Und noch schlimmer, je größer und besser man die Idee findet. Weil man ihr gerecht werden will.

Das dämmert dem Erzähler bei Proust auch gerade. Wenn er sein geplantes Buch wirklich schreiben will, denkt er, dann muss er es wohl, Zitat: "ertragen wie die Qual der Ermüdung, wie eine Ordensregel auf sich nehmen und wie eine Kirche erbauen, ihm folgen wie einer ärztlichen Weisung, es überwinden wie ein Hindernis, erobern wie eine Freundschaft, hegen und pflegen wie ein Kind, es schaffen wie eine Welt, ohne jene Geheimnisse außer Acht zu lassen, die ihre Erklärung wahrscheinlich nur in anderen Welten finden, deren erahntes Sein jedoch das ist, was uns im Leben und in der Kunst am tiefsten zu bewegen vermag.“

Na gut, hier ganz am Ende des Romans, da find’ ich Proust dann doch noch mal so richtig, richtig gut.

Doris Anselm, rbbKultur

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