Die Frage des Tages – Susanne Mayer; © rbbKultur/Laura Huck
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Die Frage des Tages - Hat Olaf Scholz das Zeug zum Kanzler?

Erst war er der "unsichtbare Kandidat", dann der "unsichtbare Kanzler". Olaf Scholz zeichnet sich als Bundeskanzler durch Unauffälligkeit und Zurückhaltung aus. Diese Ruhe kann als Qualität wahrgenommen werden, aber auch als Führungsschwäche. Seine scheinbare Teilnahmslosigkeit irritiert aber spätestens seit dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine immer mehr Menschen. "Die Frage des Tages" beantwortet heute Susanne Mayer: Hat Olaf Scholz das Zeug zum Kanzler?

rbbKultur: Frau Mayer, was meinen Sie: Hat Olaf Scholz das Zeug zum Kanzler? Wie bewerten Sie seine Zurückhaltung?

Susanne Mayer: Ich finde diese Zurückhaltung betrüblich und erschreckend. Ich finde in der Tat, dass er nicht die richtige Person an diesem Ort, zu dieser Zeit ist. Wir sind uns doch eigentlich darüber einig, dass die Situation eine historisch ganz besondere, schreckliche Situation ist. Es ist Krieg an Europas Ostgrenze. Wir sehen täglich die Zerstörung von Dörfern. Wir sehen Millionen von Menschen auf der Flucht. Wir sehen pulverisierte Städte, wir sehen Massengräber. Nach der großen Zeit des Wohlstands ist es wie der Einbruch des Bösen. Russland testet mittlerweile seine Interkontinentalraketen.

Wir sind alle voller Sorge. Ich glaube, dass die Menschen eine direkte Ansprache brauchen. Sie werden stattdessen alleingelassen. Was sie brauchen, ist die Präsenz des Mannes, der diese Republik eigentlich führt und der abtaucht und die Leute einfach allein lässt. Dieses einfache Wegducken und so tun, als sei nichts, mag ja irgendwie noch gewirkt haben beim Wirecard- Skandal oder bei der Warburg Affäre. Das ist sozusagen ein deutsches Politikerverhalten, das er sich vielleicht bei Kohl oder bei Merkel angeguckt hat. Aber in dieser Situation ist es meiner Meinung nach wirklich ganz fatal.

Der Kanzler ist eine Person, die den Zusammenhalt aller fördern muss, in dem sie auch einfach präsent ist. Während Olaf Scholz ja so wirkt, als lebe er in einer völlig anderen Welt. Wir alle machen uns die größten Sorgen und er ist nicht da. Wenn er etwas sagt, dann ist er matt, dann wirkt er geradezu langweilig. Es ist fast wie die Karikatur eines deutschen Beamten, der von der Abarbeitung von Listen redet, für die man sich jetzt richtig Zeit nehmen muss und so weiter.

Das ist nicht nur eine Düpierung der Menschen, die in diesem Land wohnen. Das ist tatsächlich auch eine Verweigerung der Rolle. Es ist auch ganz gefährlich, weil wir natürlich in dieser Situation, wo die Demokratien in Europa angegriffen werden und wo wir in Gefahr sind, jemanden brauchen, der dieses demokratische Narrativ erneuert, der uns versichert, dass das ist, wofür wir leben, dass wir uns dafür auch wappnen müssen und es zu verteidigen. Diese Rollen füllt er nicht aus. Und das ist, finde ich, wirklich fatal, weil es ein Vakuum bei uns hinterlässt.

Außerdem ist es natürlich so, dass wir jetzt angesichts des Desasters von Mariupol und des erneuten Angriffs in einer Situation sind, wo wir mitschuldig werden, wenn wir nicht helfen. Das 20. Jahrhundert stand im Zeichen der deutschen Schuld, und jetzt befinden wir uns zu Beginn des neuen Jahrtausends - und es sieht so aus, als ob wir uns wieder auf ganz schreckliche Weise in Schuld verstrickt haben und es weiter tun. Wir haben ganz Europa gefährdet durch eine sehr unkluge Russlandpolitik. Wir haben uns abhängig gemacht von einem Despoten. Dafür leiden jetzt womöglich alle anderen. Und dann verweigern wir noch die Waffen, die die Ukraine braucht, um sich zu verteidigen. Das ist ein schreckliches Tableau.

rbbKultur: Manche sagen, dass Olaf Scholz schlicht keine voreiligen Entschlüsse fällt und sehen es eher als Qualität, dass er als Kanzler im Moment so ruhig bleibt. Dem würden Sie widersprechen?

Susanne Mayer: Ja, dem würde ich widersprechen. Die Ruhe ist nicht eine Ruhe der Stärke. Die kann man auch ausdrücken, indem man ruhig spricht, indem man sozusagen den ganzen Laden auch zusammenhält. Das tut er ja gerade nicht. Es ist so, dass seine Ruhe, sein Schweigen, sein Wegducken einen Spekulationsraum eröffnen.

Vor dem Krieg wurde immer darüber spekuliert: was denkt Putin? Jetzt denken alle Leute darüber nach, was denn Olaf Scholz denken mag. Was geht in diesem Mann vor? Einige Leute sagen, er ist einfach nur stur. Die anderen sagen, er ist ängstlich, er ist ein Zauderer ... Nein, er ist ein arroganter Mensch, der den deutschen Sonderweg macht und es kümmert ihn nicht, ob er jemanden mitnimmt.

Das ist alles sehr ungut. Es ist ja keine Zeit, wo wir über unsere Führungskraft spekulieren sollten, sondern wir sollten wissen: da ist jemand, der verkörpert dieses Deutschland, diese Demokratie, diese Werte, der erneuert dieses Narrativ, der ist für uns da. Das ist das, was wir brauchen.

Das Gespräch führte Anja Herzog, rbbKultur

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Kommentar - Die Frage des Tages

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