Doris Anselm
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Bild: rbb/Gundula Krause

Letzte Folge: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" - Unsere Proust-Lesung geht zuende

Heute läuft die letzte der insgesamt 329 Folgen unserer Proust-Lesung "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Von Anfang an hat die Autorin Doris Anselm unsere Lesung mit ihrer wöchentlichen Kolumne "Lust & Frust mit Proust" begleitet. "Die Beziehung war sehr aufregend, aber auch sehr kompliziert und schwer", sagt sie augenzwinkernd über die letzten anderthalb Jahre. Anja Herzog hat mit ihr gesprochen.

rbbKultur: Doris, es gab vermutlich keinen einzigen Tag seit Anfang letzten Jahres, an dem Du Dich nicht irgendwie mit Proust beschäftigt hast, oder?

Doris Anselm: Das stimmt. Der war immer da. Und jetzt, wo ich fertig bin, muss ich sagen, schwankt das Gefühl so ein bisschen: Ich freue mich darüber, dass ich diesen tollen Roman gelesen habe, aber es ist auch ein bisschen so, als hätte ich eine Beziehung gehabt mit einem Mann. Die Beziehung war sehr aufregend, aber auch sehr kompliziert und schwer. Jetzt haben wir uns getrennt und ich bin eigentlich ganz froh - aber er steht immer noch vor der Tür, will Sachen, will noch mit mir reden und gibt mir noch Gedanken ein.

rbbKultur: Oder wie nach einer schlimmen Prüfung – dieser Tag, auf den man sich die ganze Zeit gefreut hat … Und dann fällt man in ein bodenloses Loch!

Anselm: Das hatte ich auch so ein bisschen.

rbbKultur: Was hat Dir denn am besten gefallen? Was war die größte Lust mit Proust?

Anselm: Die größte Lust waren wahrscheinlich die tollen Bilder, die er oft hat. Das ist echt irre: Proust schafft es, im Text ein winzig kleines Bild zu machen, an das ich mich dreihundert Seiten später noch erinnere, wenn er das nochmal antippt. Und das liegt glaube ich nicht an mir, ich habe kein besonders gutes Gedächtnis.

Eines, das ich echt toll fand: Der Erzähler sieht während eines Sommerurlaubs eine Kirche, sein eigener Blick lässt diese Kirche aber wie einen Goldfisch aussehen, weil nämlich - ich zitiere:

"... deren zwei alte Glockentürme in dieser glutheißen Zeit, in der man nur Gedanken für ein Bad hatte, mit ihrem Lachsrosa, ihren rautenförmigen Ziegeln, alten spitzmäuligen Fischen glichen, die mit Schuppen, wie mit Dachschindeln überdeckt, bemoost und rostrot unbeweglich in einem durchsichtigen blauen Wasser schwebten."

So sieht diese Kirche dann vor dem blauen Himmel aus - und das fand ich einfach superschön. Irgendwann kommt die Kirche noch einmal vor und man denkt sofort an diesen Fisch.

rbbKultur: Marcel Proust ist zweifellos ein herausragender Autor gewesen. Aber nicht alles ist toll. Was war denn Dein größter Frust mit ihm?

Anselm: Was mich persönlich am meisten gefrustet hat, war der Sexismus. Wie herablassend Frauen einfach angesehen werden, wie nebenbei sie sind, wie wenig sie zählen in irgendeinem Belang. Oft sind es wirklich Konsumartikel: Frauen sind für den Ich-Erzähler Konsumartikel, bestenfalls Accessoires. Das fand ich teilweise schon echt schwierig. Und dann gibt es natürlich diese berühmten, unlesbar langen Sätze.

rbbKultur: Hast Du einen dabei?

Anselm: Die schlimmsten wollte ich uns ersparen, weil dann das Studiogespräch auch zu Ende wäre. Deswegen habe ich einen rausgesucht, der so ein bisschen zeigt, was auch schwierig an Proust ist, womit man sich immer auseinandersetzen muss: dass er Informationen oft in der falschen Reihenfolge präsentiert, so dass man es unnötig schwer hat, es zu verstehen.

Zum Beispiel: Der Erzähler hat sich gerade entschlossen, ein Buch zu schreiben - aber jetzt ist er erstmal auf einer Veranstaltung. Und dann passiert in seinem Kopf das hier:

"Tatsächlich vollzog sich, sobald ich in den großen Saal eingetreten war, eine überraschende Wendung der Dinge, aus der sich der denkbar schwerste Einwand gegen mein Unterfangen ergeben sollte, ein Einwand, den ich zweifellos überwinden würde, der aber, während ich noch weiter in meinem Inneren mich mit den Bedingungen des Kunstwerks beschäftigte, durch das hundertfach wiederholte Beispiel gerade der Erwägung, die am geeignetsten war, mich zum Zaudern zu vermögen, meine Gedankengänge unaufhörlich unterbrechen sollte."

Es ist einfach komplett unverständlich, weil er es halt falschrum aufbaut. Man weiß noch gar nicht, was für eine Wendung der Dinge jetzt eintritt. So etwas würde ein heutiges Lektorat natürlich nicht überstehen – zu Recht, wie ich an dieser Stelle finde.

rbbKultur: Ich bin auch gleich nach den ersten drei Worten ausgestiegen … Proust ist ein Kollege von Dir, denn Du bist selbst Autorin. Damit hast Du es ja auch schon gesagt: Er hat ganz klar auch Schwächen – da muss man den Finger doch auch schon in die Wunde legen …

Anselm: Ja, er hat so Lieblingsgeschichten, die er immer wieder unterbringt und was dann irgendwann nervt. Worauf er zum Beispiel total steht, ist Phantomschmerz. Vielleicht war das zu seiner Zeit gerade eine neue Thematik - auch durch Kriegserfahrungen, Amputationen etc. - und natürlich hat das ein poetisches Potenzial, wenn man es überträgt: Dass Dir etwas wehtut, was gar nicht da ist oder nicht mehr da ist. Aber das kommt in dem Buch wirklich so oft vor, dass ich denke: Ach, jetzt kommt wieder die Phantomschmerz-Sache …

Und das andere, was echt nervt, ist, dass er sich immer als Arzt aufspielt, der den Lesern etwas zeigen und diagnostizieren und sie auch durchschauen will. Da habe ich dann immer gedacht: Ich glaube, Du arbeitest Dich hier an deinem Vater ab. Prousts Vater war nämlich ein sehr berühmter Arzt, und als Schriftsteller rettet man dann halt doch nur selten Leben.

rbbKultur: Man muss dazu natürlich auch sagen, dass es Gründe gibt, warum das ganze Werk in sieben sehr umfangreiche Bände gepackt ist und wir 329 Folgen draus machen mussten, die wir in unserer Lesung heute dann sozusagen hinter uns bringen. Gretchenfrage: Muss man das gelesen haben?

Anselm: Ich sage mal ganz mutig: nein. Es ist sowieso schon zeitlich eine Anmaßung, wie lange man dafür braucht, deshalb ist es schon schwierig. Optimistisch würde ich auch sagen, dass man sowieso die ganze Zeit Proust liest, wenn man irgendwelche Bücher liest, die in der westlichen literarischen Welt erschienen sind, weil Proust so tief eingesickert ist in diese literarische Kultur. Deswegen würde ich sagen: nein.

Ich hätte aber noch einen Mittelweg anzubieten: Ich glaube, man muss nicht alles lesen. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan des ersten und des letzten Bandes. Ich finde, im ersten Band werden alle Motive angelegt, die teilweise später - an manchen Stellen auch ein bisschen lieblos - noch einmal durchgeführt werden und nochmal in anderen Gestalten auftreten. Man kriegt einen guten Proust-Eindruck, wenn man den ersten Band liest. Im letzten Band wird es wiederum sehr interessant, weil es da auch um den Ausbruch des Ersten Weltkriegs geht und wie Proust diesen aus der Distanz erlebt - und dann kommt er doch immer näher. Das ist – gerade auch jetzt – ein total interessanter Band.

rbbKultur: Ich finde interessant, dass Du beim Lesen tatsächlich entdeckt hast, wie Proust die Grundlage gelegt hat für so vieles, was in den Jahrzehnten bis heute nach ihm gekommen ist. Das heißt, das hat Dir das Lesen dann letztlich schon gebracht, oder?

Anselm: Es ist manchmal so ein bisschen, als ob man die Bibel liest. Ich habe jetzt leider kein Beispiel, aber bei der Bibel ist es auch oft so, dass man die Wurzeln von Sprichwörtern entdeckt und dann merkt: Ach so - da kommt dieser Ausdruck her! Und so, wie wir allgemein in einer christlich geprägten Kultur leben, leben wir bestimmt in einer Proust-geprägten Literatur-Kultur.

rbbKultur: Hast du Tipps zum Durchhalten? Wenn man mittendrin ist und einfach feststeckt und am nächsten Tag überlegt, es überhaupt noch einmal aufzuschlagen – oder es doch bleiben zu lassen?

Anselm: Man muss großzügig mit sich sein. Man darf auch mal etwas überlesen. Dieser Erzähler ist so besessen von allem, er hat so extreme Lieblingsthemen, die ihn beschäftigen, dass sowieso alles nochmal vorkommt. Man wird immer etwas verpassen, weil es einfach so viel ist. Gleichzeitig wird man nie das Wesentliche verpassen. Das Buch ist ja nicht wie ein heutiger Krimi gebaut, wo man – was ich manchmal viel stressiger finde - an manchen Stellen total aufpassen muss, sonst verpasst man den einen kleinen, entscheidenden Hinweis, wer jetzt der Mörder sein könnte. Das ist bei Proust überhaupt nicht so. Man kann locker bleiben, vielleicht auch mal etwas überlesen, wenn es einen furchtbar langweilt. Und bei den einzelnen Sätzen würde ich sagen: immer an das Verb halten.

rbbKultur: Apropos einzelne Sätze - hast Du Proust in einem Satz für uns?

Anselm: Ich habe es mal versucht. Es wäre natürlich sehr einfach, wenn ich so lange Sätze machen dürfte wie Proust selber. Ich habe es ein bisschen kürzer versucht. Hier kommen also sieben Bände Roman in einem Satz:

Ein angehender Schriftsteller beschreibt sein Leben und das Leben anderer im wohlhabenden Paris Anfang des 20. Jahrhunderts und zieht daraus folgende Schlüsse: die Menschen wollen immer das, was sie nicht haben, sie täuschen sich und einander laufend über alles, und das Leben selbst hat ein derart schlechtes Timing, dass man ihm eigentlich nur mit einer Mischung aus Ironie und Sentimentalität begegnen kann.

rbbKultur: Diese Frage muss sein: Was liest Du jetzt?

Anselm: Ich lese gerade viel (Gegenwarts-)Lyrik, weil ich das auch mal wieder schreiben möchte. Ich habe einen Erzählband und einen Roman geschrieben und jetzt habe ich mich so viel mit Proust beschäftigt - und das natürlich auch immer in einer vorgegebenen Zeitlänge für die Kolumne, dass ich irgendwie das Bedürfnis habe, dass meine Sprache mal wieder so ganz frei sein darf. Deswegen lese ich gerade Gedichte und schreibe auch mal wieder welche.

rbbKultur: Ein Kontrastprogramm also zum langen Marcel Proust - mit einem Tränchen im Auge zum Abschied?

Anselm: Absolut.

Das Gespräch führte Anja Herzog, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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