Yvonne Lott, Hans-Böckler-Stiftung © HBS/Ulrich Baatz
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Bild: HBS/Ulrich Baatz

rbbKultur-Reihe "Tag der Arbeit" - Das Homeoffice

Mal eben schnell zwischen Video-Call und Mittagssnack um die Kinder kümmern: das Homeoffice ist für viele während der Pandemie zum Alltag geworden. Mit all seinen Vor- und Nachteilen. Und es hat die Arbeitswelt und Work-Life-Balance verändert. Wir sprechen diese Woche mit Blick auf den 1. Mai mit schlauen Köpfen über das Thema Arbeit. Den Auftakt macht Yvonne Lott von der Hans-Böckler-Stiftung, die gezielt zum Thema Homeoffice forscht.

rbbKultur: Frau Lott, zwei Jahre Pandemie liegen hinter uns. Wie fällt die Homeoffice-Bilanz der Deutschen aus?

Yvonne Lott: Ich würde sagen: gemischt. Eigentlich wissen wir es auch noch nicht so richtig. Wir haben noch keine finalen Daten. Wir sind immer noch in einer Übergangsphase. Was wir auf jeden Fall sagen können, ist, dass doch viele Beschäftigte das Homeoffice sehr zu schätzen gelernt haben. Wir haben in regelmäßigen Abständen seit der Pandemie Umfragen gemacht in der Hans-Böckler-Stiftung und verschiedenste Beschäftigte und auch nicht Erwerbstätige befragt. Die Beschäftigten, die vor allem im Homeoffice arbeiten, haben dann doch gesagt, dass sie auch nach der Pandemie weiter im Homeoffice arbeiten wollen. Das ist ein Plus, was das Homeoffice anbelangt.

Auch die Unternehmen haben teilweise erkannt, was es für Vorteile haben kann, wenn die Beschäftigten im Homeoffice arbeiten - nicht zuletzt auch für die Gewinnung von Fachkräften, weil viele Beschäftigte - gerade die jüngeren - diese Flexibilität einfordern.

rbbKultur: Wo gibt es immer wieder Probleme?

Lott: Das ist natürlich immer so eine Sache mit dem Homeoffice. Wir haben Vorteile: Keine Pendelzeiten, wenn ich lange Anfahrtswege habe. Ich kann auch einfach mal zwischendurch private Sachen einschieben, die nicht einzuschieben wären, wenn ich am Arbeitsplatz oder im Büro arbeite.

Aber natürlich gibt es auch das Risiko, dass Beschäftigte, die jetzt von zu Hause arbeiten, Schwierigkeiten haben, das Ende ihres Arbeitstages zu finden. Es kann dann vielleicht verlockend sein, sich abends nochmal ein, zwei Stündchen hinzusetzen, das Laptop anzumachen, um Emails zu checken oder dann doch auch mal in der Freizeit einen Telefonanruf von Kollegen oder Vorgesetzten anzunehmen.

Das nennen wir Entgrenzung von Arbeit – wenn sich die Erwerbsarbeit ins Privatleben hineinfrisst. Das Problem hatten wir schon vor der Pandemie und es ist jetzt mit der Verbreitung von Homeoffice größer geworden bzw. es betrifft jetzt einfach mehr Beschäftigte. Wir müssen rangehen, das Homeoffice gut zu gestalten und zu fragen, was es denn eigentlich braucht, um gut zu funktionieren.

rbbKultur: Was sind denn die Erfolgsfaktoren für gutes Homeoffice? Was gehört alles dazu?

Lott: Es ist so ein bunter Strauß. Natürlich müssen Beschäftigte selbst erkennen, wann es zu viel ist, wann die acht Stunden schon geleistet sind. Das, was ich mehr mache - auch das Checken von Emails - ist Arbeitszeit. Dieses Bewusstsein und diese Sensibilität müssen bei Beschäftigten da sein und auch gestärkt werden. Das kann in Form von Weiterbildungen oder Trainingsworkshops im Betrieb sein, aber die strukturellen Faktoren sind ganz entscheidend dafür, welche Vor- oder Nachteile Homeoffice mit sich bringt.

Eine ganz wichtige Rolle spielen Vorgesetzte: Wie sind die eigentlich drauf? Wie arbeiten die? Was für eine Erwartung haben sie an die Arbeit ihrer Mitarbeiter:innen? Wer wird befördert? Sind es die Beschäftigten, die immer die Überstunden machen, die auch noch in der Freizeit erreichbar sind? All diese Kriterien sind wichtig. Auch die Arbeitsbewertungen: Nach welchen Kriterien wird bewertet? Da spielen Vorgesetzte eine wesentliche Rolle.

rbbKultur: Es braucht vertraglich fixierte Regeln.

Lott: Ganz genau. Das haben wir auf Basis von Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung herausgefunden. Es braucht vertragliche Vereinbarungen zum Homeoffice. Wenn in meinem Vertrag steht, dass ich das gute Recht habe, im Homeoffice zu arbeiten, habe ich nicht das Gefühl, dass es ein besonderes Privileg ist und ich muss mich bei meinem Vorgesetzten oder Arbeitgeber nicht revanchieren (...), um auch in Zukunft weiter im Homeoffice arbeiten zu können.

rbbKultur: Das ist das eine, aber worüber auch viel gesprochen wurde, ist die Gleichberechtigung im Homeoffice. Corona hat alte Rollenbilder wieder befeuert - das zeigen auch aktuelle Zahlen. Sind Frauen im Homeoffice also stärker belastet bzw. wie lässt sich gegen diese Entwicklung angehen?

Lott: In der Tat gibt es für Frauen eher das Risiko der Doppelbelastung im Homeoffice. Auch vor der Pandemie war es schon so, dass bei Paaren Frauen den Löwenanteil an Sorgearbeit hatten – Kinderbetreuung, Hausarbeit etc. – und das hat sich in der Pandemie einfach fortgesetzt. Dort, wo beide Partner im Homeoffice gearbeitet haben, hat der Mann auch schon mehr Sorgearbeit geleistet, aber die Frau immer noch den überwiegenden Teil. Sie ist eben auch eher Ansprechpartnerin für die Kinder und bei bestimmten Belangen.

rbbKultur: Was schlagen Sie vor, um dem entgegenzuwirken?

Lott: Es ist schwierig, da ranzukommen. Wir brauchen gute Regeln und eine Betriebskultur, wo klar ist, dass es mein gutes Recht ist, im Homeoffice zu arbeiten. Ich muss nicht mehr arbeiten, um mir das zu verdienen. Dann gibt es für Männer auch weniger Anreiz, das Homeoffice dafür zu nutzen, eher mal Überstunden zu leisten, was häufig der Fall ist. Wenn Männer eher kürzere Arbeitszeiten haben im Homeoffice bzw. nur die vertraglich vereinbarten, dann haben sie auch mehr zeitliche Ressourcen, um die Kinder zu betreuen. Das wäre eine Stellschraube. (...) Da ist die Pandemie eine Chance, weil wir wahrscheinlich in hybrides Arbeiten reingehen werden, wo wir teils im Büro und teils zu Hause arbeiten. Die Pandemie bringt die Chance, zu einer Normalisierung beizutragen und diese Stigmatisierung von Beschäftigten, die wir vorher hatten, die nicht im Büro bzw. am Arbeitsplatz, zu schwächen oder gar aufzuheben.

Eine andere Sache sind die typischen Instrumente - auch auf gesetzlicher Ebene -, die eine partnerschaftliche Arbeitsteilung fördern - zum Beispiel eine Verlängerung der Partnermonate bei der Elternzeit, so dass auch die Männer noch viel stärker mit in die Sorgearbeit eingebunden werden und sich langfristig stärker beteiligen. Das ist auch eine Abschaffung bzw. eine Reform des Ehegattensplittings, die Anreize schafft.

Das Gespäch führte Shelly Kupferberg, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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