Henrike von Platen, Unternehmerin © Oliver Betke
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Bild: Oliver Betke

rbbKultur-Reihe "Tag der Arbeit" - Gender Pay Gap

Noch immer verdienen Frauen im Schnitt weniger Geld als Männer. Die "Gender Pay Gap" liegt in Deutschland (unbereinigt) bei 18 Prozent. Warum gibt es diese Lücke? Was muss politisch und gesellschaftlich passieren, damit sie geschlossen wird? Mit Blick auf den Tag der Arbeit am 1. Mai beleuchten wir diese Woche auf rbbKultur verschiedene Themen rund ums Thema Arbeit. Heute im Gespräch: die Unternehmerin Henrike von Platen, die sich seit Jahren für Lohngerechtigkeit einsetzt.

rbbKultur: Frau von Platen, es schwirren ja immer zwei Zahlen in der Debatte um die unbereinigte und die bereinigte Gender Pay Gap. Was steckt denn dahinter?

von Platen: Das ist eine gute Frage und es ist auch gut, wenn wir sie aufklären. Als erstes wünsche ich mir, dass wir von der angepassten und der unangepassten Pay Gap reden. Das hat einen Hintergrund, denn die bereinigte Pay Gap ist nicht sauber und "die Gute". Wenn wir uns die zwei Zahlen im Vergleich ansehen, sehen wir in der Regel eine große und eine kleine Zahl – kalkuliert bei Unternehmen bzw. in Gesamtdeutschland.

Die unbereinigte, also die unangepasste Pay Gap, ist der Durchschnitt über die Gehälter von Männern und Frauen insgesamt in Deutschland oder innerhalb eines Unternehmens. Und wenn ich dann Faktoren nehme, wie zum Beispiel die Position im Unternehmen, die Gruppe im Tarifsystem oder diese Dinge, die ein Gehalt erklären dürfen - also die Elemente, für die ein Unternehmen mehr Geld bezahlt -, dann rechne ich das runter und es bleibt eine bereinigte, aber deswegen noch lange nicht saubere Gap übrig, die ich einfach nicht mehr erklären kann. Die liegt dann zwischen zwei und acht Prozent - je nach Datensatz usw.

Das wichtige an diesen Zahlen ist, dass wir uns die große Gap anschauen. (...) Wir wissen, dass weniger Frauen in hohen Positionen sind - also ist da immer noch etwas, wo wir etwas zu tun haben. Es ist nicht nur erklärt und weg, sondern wir können uns positiv damit auseinandersetzen, um diese Herausforderungen zu lösen.

rbbKultur: Damit sind wir auch schon bei den Gründen für diese Lohnlücke. Welche gibt es dafür?

von Platen: Es gibt gesellschaftlich betrachtet drei große Gründe: Einerseits haben wir weniger Frauen auf den unterschiedlichen Hierarchieebenen. Von oben nach unten betrachtet: mehr Frauen unten als oben – sozusagen vertikal. Dann haben wir in der Horizontalen, wenn man auf Deutschland schaut, das Dilemma, dass in bestimmten Branchen einfach nur Frauen oder nur Männer sind - und dass sind in der Regel auch die schlechter oder besser bezahlten Berufsgruppen jeweils, dazu zählen z.B. Pflege, Bau, Finanzen etc.

Und dann haben wir den dritten Punkt, der das Thema Teilzeit oder Erwerbsunterbrechungen abdeckt. Wenn man in eine Unterbrechung reingeht - Kinder, die Pflege Angehöriger etc. - und zurückkommt in ein Unternehmen, bekommt man in der Regel weniger oder holt diese Lücken durch diese Auszeiten im Gehalt nicht auf.

rbbKultur: Und diese Folgen sind fatal – zum Beispiel Altersarmut durch längere Pausen, geringere Karrierechancen und dadurch wiederum schlechtere Bezahlung ... Die große Frage ist: wie schaffen wir es, diese Lücke zu schließen? Was schlagen Sie vor? Welche Forderungen haben Sie?

von Platen: Man muss sich zum einen gesellschaftlich wirklich damit auseinandersetzen. Es ist wichtig, genau jetzt darüber zu reden und auch über Geld zu reden und zu sagen: Okay, was verdient man in der Pflege? 1.000 Euro.

Man muss diese Beträge nennen, so wie wir sie auch während der Corona-Pandemie zum Teil gehört haben. Es gab so einen Moment, wo ich richtig froh war, dass diese Zahlen auf den Tisch kamen, denn es macht viel mit Menschen, wenn man sich mal mit den tatsächlichen Beträgen auseinandersetzt. Die Gesellschaft muss im Grunde genommen mehr über Geld reden und es thematisieren.

rbbKultur: Eine Diskussion darüber, was die Arbeit wert ist.

von Platen: Ja, genau - das ist die große Diskussion: Was ist Arbeit wert? Die Frage ist noch lange nicht durchdiskutiert bzw. noch nicht so in den Köpfen angekommen, dass wir dadurch unser Verhalten ändern.

Aber es gibt einen ganz wichtigen parallelen Schritt, auf den ich mittlerweile persönlich auch mehr Fokus lege, weil ich da direkt etwas tun kann: Bezahlen tun die Unternehmen und die Menschen bekommen Geld. Unsere Gesetze richten sich immer auf die Menschen, aufs Individuum: Ich muss Auskunft erfragen, ich muss alles Mögliche als Individuum tun. Aber das Geld fließt ja beim Unternehmen ab. Das heißt, von unserer Warte aus gehen wir auf die Unternehmen zu und schauen, dass Unternehmen anfangen, fair zu bezahlen. Wir sagen: zertifiziert euch oder macht eine Entgeltanalyse. Dafür zu sorgen, dass ein Unternehmen fair bezahlt, schließt natürlich nicht deutschlandweit die Pay Gap, aber wenn es denn alle Unternehmen täten, wäre sie zu.

rbbKultur: Bringt denn das Lohntransparenzgesetz etwas?

von Platen: Es ist gut, dass es da ist. Es hat eine ganze Menge Steinchen ins Rollen gebracht - aber es reicht bei weitem nicht aus. Unter anderem deshalb, weil es aufs Individuum zielt. Wenn wir uns Gesetze weltweit anschauen, gibt es einen sehr markanten Unterschied – und das ist das Zielen auf das Individuum oder aufs Unternehmen mit diesem Gesetz. Und das ist im Grunde genommen die Großbaustelle unseres Gesetzes. Auch gesellschaftlich betrachtet denken wir viele immer noch, dass die Frau etwas verändern muss, dass die Frau besser verhandeln muss usw. Das müssen wir wirklich aus unseren Köpfen rauskriegen. Die Schuld, dass ich weniger verdiene, liegt nicht bei mir als Person, sondern sie liegt da, wo das Geld abfließt. Sie liegt da, wo unfair gehandelt wird.

Das Gespräch führte Shelly Kupferberg, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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