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Der feine Unterschied - die Feministische Kolumne - Gute Mutter - Böse Mutter

Wie viele Witze zum Thema Helikoptermutter haben Sie in den letzten Tagen gehört? Verteidigungsministerin Christine Lambrecht hat ihren 21-jährigen Sohn im Hubschrauber mitgenommen – und wird seitdem verspottet, kritisiert und durch die Schlagzeilen gejagt. Heide Oestreich fragt sich allerdings, ob wir nicht stattdessen mal an unserem kollektiven Mutterkomplex arbeiten sollten.

Jetzt haben wir ein weiteres Beispiel dafür, mit welchen Verrenkungen Frauen Politik und Familie zu vereinbaren versuchen. Sie erinnern sich an Ex-Familienministerin Anne Spiegel? Das war die Methode: Politische Präsenz vortäuschen, wenn man eigentlich bei der Familie ist. Schlechte Idee. Christine Lambrecht versuchte es andersherum: den Sohn mit auf Dienstreise nehmen. Ganz schlechte Idee. Ich bin gespannt, wann unsere politische Klasse endlich mal zugibt, dass es hier ein richtiges und dickes Problem gibt.

Stattdessen bleiben wir weiter im behaglichen Schuldzuweisungs-Spiel, und Schuld ist selbstredend die Frau. Gerade weil es hier um Mütter geht, kommt man nicht ganz umhin, auch mal die kindlichen Anteile dieser Sichtweise auf Frauen in der Politik in den Blick zu nehmen: Wenn die Mama nicht so ist, wie ich will, ist sie die böse Mama. Wenn sie mir gibt, was ich will, ist sie die tollste Mama der Welt. Nur eines sind Frauen in der Politik bei uns sehr selten: Ein normaler Mensch, der sich hier mal hervortut und dort mal Fehler macht.

These: Wenn Frauen die Erwartungen nicht erfüllen, reagiert das Kleinkind in uns unangemessen aggressiv – "Böse Mama". Deshalb kriegen wir uns vor lauter Kritik und Doof-finden bei Frauen gar nicht mehr ein, während die Fehler von Männern eher mal so hingenommen werden: Dass der Papa nicht macht, was ich erwarte, das haben wir alle gelernt.

Annalena Baerbock, wissen Sie noch? Hatte ein paar kleinere politische Fehler gemacht, nichts Gravierendes: Ohje, war da ein Unglück über uns gekommen, dass diese Person die Kanzlerkandidatin der Grünen war. Böse Mama! Heute ist die Wahrnehmung komplett umgeschlagen: Ich konnte noch nicht entdecken, welche Weltweisheit neuerdings aus Baerbock spricht. Mir kommt, was sie sagt und tut, wie einigermaßen vernünftige Außenpolitik in außergewöhnlich schwierigen Zeiten vor. Aber irgendwie erfüllt sie, vielleicht ja auch mit ihren Verweisen auf leidende Mütter und Kinder, modern gelabelt als "feministische Außenpolitik", gerade offenbar unsere Bedürfnisse nach – Mütterlichkeit. Beste Mama der Welt!

Mama Lambrecht dagegen ist nicht lieb. Sie hat die Frechheit besessen, die Spitze ihres Ministeriums umzubauen und damit die Generäle wütend gemacht. Böse Mama! Dann in Mali falsches Schuhwerk getragen. Nein! Doch! Oh! Bestimmt hat sie auch die Panzer selbst kaputt gemacht, die nun alle nicht fahren. Sehr böse Mama.

Wenn es uns gelänge, Frauen mehr mit einem Erwachsenenblick zu sehen, quasi einfach als Menschen und nicht als Projektionen aus dem Babybjörn, dann hätten vielleicht auch mehr Frauen Lust, Politik zu machen. Und irgendwann könnten wir dann auch wie Erwachsene über die Vereinbarkeit von Politik und Familie reden. Und nicht nur über tolle oder böse Mamas.

Heide Oestreich, rbbKultur