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Der feine Unterschied - Die feministische Kolumne - MeToo und die Depp-Heads

Ist es "Der Tod von #MeToo", wie die New York Times schreibt? Oder ist es "Gerechtigkeit für Johnny Depp", wie Milliarden von Posts in den Sozialen Medien suggerieren? Ein US-Gericht hat Superstar Johnny Depp im Wesentlichen geglaubt, dass er seine damalige Ehefrau Amber Heard nicht geschlagen hat. Also habe sie ihm geschadet, als sie sich im Jahr 2018 als Opfer häuslicher Gewalt und Fall von #MeToo beschrieb – woraufhin er lukrative Filmrollen verlor. Er war auch nicht fein zu ihr, beide müssen zahlen, aber Amber Heard erheblich mehr als Johnny Depp. Heide Oestreich über die Frage, was man aus dem Fall Depp vs. Heard lernen kann.

Ehrlich gesagt: Nix. Aus diesem Prozess kann man nichts lernen. Leider. Es gibt nämlich nichts, was wir nicht schon wussten. Bei Gewalt in Intimbeziehungen - wie auch bei #MeToo Fällen - steht verdammt oft Aussage gegen Aussage. So auch hier. Ich erspare Ihnen Details dieser Aussagen, sie werden Ihnen vielleicht begegnet sein, es geht viel um Flaschen, Fäkalien und wer eigentlich wen gehauen hat. Und das eben nicht in einer Kita, falls das nun so klingt, sondern zwischen zwei Erwachsenen, die beide, vorsichtig gesagt, psychisch etwas mitgenommen sind – und zudem beide ausgewiesene Spezialkräfte im dramatischen Fach. Weshalb eines ziemlich wahrscheinlich nicht ans Licht gekommen ist in diesem Prozess, auch wenn Gewinner Johnny Depp diesen Spin natürlich nun im Nachhinein setzt: Die Wahrheit.

Also Aussage gegen Aussage. Und Depp ist eigentlich auch noch gar nicht der Gewinner, denn ein anderes Gericht hat bei denselben Aussagen auch schonmal Amber Heard mehr geglaubt – und in Berufung wird sie auch noch gehen.

Johnny Depp ist allenfalls der Gewinner der Hashtags. Dies zwar völlig uneinholbar, es geht um Milliarden posts für Depp gegen lediglich Millionen posts für Heard - aber von den Milliarden haben sich wiederum viele als gekauft und orchestriert herausgestellt, so dass ich mir nicht sicher bin, von wem diese Hashtag-Währung eigentlich noch als vertrauenswürdig eingestuft wird. Von mir jedenfalls nicht. Und selbst wenn die Filmindustrie oder irgendwelche Geschworenen sich davon beeindrucken lassen sollten: wen wundert es eigentlich, dass das Patriarchat zurückschlägt, wann immer es kann - und besonders gern per lustigem Katzenvideo auf Tiktok? Ja, Szenen dieser Ehe wurden auch als Katzenvideo persifliert – und raten Sie, zu wessen Gunsten.

#MeToo wird darunter nicht leiden. Die seriöseren Beobachter:innen auf dieser Welt ordnen diesen Fall nämlich seit geraumer Zeit ziemlich differenziert ein – dank #MeToo. Und nein, eine Fanbase aus "Depp-Heads", so nennen sich Johnny Depps Ultra-Fans tatsächlich, ist sicher nicht in der Lage, eine Bewegung wie #MeToo zu beenden. Fans sind Fans. Die dürfen Johnny Depp lieben, ihm alles verzeihen, seine Ex-Frau gemein finden und ihr kein Wort glauben.

Dass allerdings etliche von ihnen und sämtliche misogynen Trittbrettfahrer:innen eine riesige Welle unkontrollierten Hasses gegen Amber Heard ins Netz ergießen, mitsamt allen Morddrohungen, die kranke Hirne sich ausdenken können, das genau trägt dazu bei, dass #MeToo nicht stirbt. Denn jeder dieser Hassposts beweist nur, wo wir gerade stehen in Sachen Frauenverachtung und Sexismus im Jahr 2022: Immer noch ganz schön tief im Dreck.

Falls Sie etwas Neues zu #MeToo hören wollen, können Sie mal nach Frankreich schauen. #MeToo Mediàs heißt die neue Welle rund um einen Starmoderator, von der wir bald sicher mehr hören werden. Vielleicht gibt es da ja mehr zu lernen.

Heide Oestreich, rbbKultur

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