Deepa Anappara © Liz Seabrook
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rbbKultur Lesung "Die Detektive vom Bhoot-Basar" - Autorin Deepa Anappara über das Verschwinden indischer Kinder

In unserer Lesung "Die Detektive vom Bhoot-Basar" geht es um drei indische Kinder, die sich ans Ermitteln machen, nachdem immer wieder Kinder und junge Frauen aus ihrem Armenviertel verschwinden. Die Polizei kümmert sich nicht. Darum nehmen die Drei die Sache selbst in die Hand. Julia Riedhammer hat mit der indischen Autorin Deepa Anappara über ihren Roman gesprochen.

Es ist eng in den Gassen des Booth Basars. Menschen drängen sich aneinander dazwischen Hunde, Fahrrad- und E-Rikschas. Es riecht nach Gewürzen, Tee, rohem Fleisch, Brot, Kebab und Rotis. Deepa Anappara beschreibt das alles so sinnlich, dass man mit den Kinderdetektiven eintauchen kann in ihre Welt. Doch es gibt diesen Bazaar und auch die Stadt, in der dieses Buch spielt, in Wirklichkeit nicht. Deepa Anappara hat sie sich ausgedacht.

Deepa Anappara: "Die Stadt, in der mein Buch spielt, ist eine fiktionale Stadt. Es könnte Delhi sein mit seinen Vororten und Siedlungen. Ich wollte Abstand von den realen Geschichten halten, die dort passiert sind."

Jai, Pari und Faiz sind zehn Jahre alt und gehen in eine Klasse. Sie leben im selben “basti”, einem Armenviertel, das ständig davon bedroht ist, von den Bulldozern der Regierung abgerissen zu werden. Eines Tages verschwindet ihr Klassenkamerad. Die Eltern sind verzweifelt. Die Polizei kommt, lässt sich bestechen, und macht: NICHTS. Das leider ist Realität.

Kaum Interesse für verschwindende Kinder

Deepa Anappara: "Die indischen Medien berichten nicht über die Kinder, die verschwinden. Das wird nur ganz selten erwähnt. Und wenn es aufkommt, dann interessiert man sich vor allem für den Kidnapper, da schaut man voyeuristisch auf die Details hinter dem Verbrechen - wie in einem true crime podcast. (…) Das passiert gern bei armen Kindern. Niemand interessiert sich für ihre Geschichten. Wenn aber ein Kind mit blonden Haaren und blauen Augen verschwindet, dann bekommt das ganz viel Aufmerksamkeit. Aber die Kinder aus der Gegend, wie ich sie beschreibe, die ein düsteres Leben leben, über die wird überhaupt nicht berichtet."

Deepa Anappara hat elf Jahre lang als Journalistin in Indien gearbeitet, bevor sie ihren Debütroman geschrieben hat. Sie hat Kinder in den Armengegenden von Delhi interviewt. Kinder, die mit Müllsammeln Geld verdienen, die auf Verkehrs-Inseln betteln oder unter Lebensgefahr auf Bahn-Gleisen Flaschen auflesen, um sich so ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Aus ihrer Sicht erzählt sie diese Geschichte. Und so schwierig deren Lebensumstände sind - ihr Ton ist leicht.

Geschichte aus der Perspektive der Kinder

Deepa Anappara: "Es gibt ja so eine bestimmte Vorstellung davon, wie sich arme Kinder verhalten. Oft ist das westliche Narrativ von Werbung für Spenden-Sammelaktionen, die man im Fernsehen sehen kann, bestimmt. Die zeigen dann traurig dreinblickende Kinder, die kein Trinkwasser und kein Essen haben. Ich sage nicht, dass diese Umstände nicht zutreffen. Aber ich habe bei meiner Arbeit die Erfahrung gemacht, dass die Kinder sich nicht als Opfer sehen. Egal, wie schlimm ihre Lebensumstände waren, sie haben sich immer wie Kinder verhalten: Wenn ich sie zur Schule interviewt habe, waren sie sofort super gelangweilt. Über Filme oder Fernsehserien zu sprechen - das hat sie interessiert."

Und auch wenn sie die Geschichte aus der Perspektive der Kinder erzählt - Deepa Anappara gibt in ihrem Roman einen tiefen Einblick in die indische Gesellschaft - wo seit Beginn der Pandemie die Lage gerade für Kinder noch schwieriger geworden sei, sagt sie.

Deepa Anappara: "Für Kinder, wie die aus der Gegend, wie ich sie in meinem Buch beschreibe, bedeutet Schule nicht nur Unterricht, sondern auch Nahrung. Dort bekommen die Kinder ihr Mittagessen. Und für viele Kinder ist das eben die einzige Mahlzeit, die sie am Tag zu sich nehmen. Die fiel nun zwei Jahre lang aus. Und für viele Eltern war es schlicht nicht mehr möglich oder eben sehr schwierig, ihre Kinder noch ernähren zu können."

Immer mehr Kinder verschwinden

Jai, Pari und Faiz ermitteln mit vollem Einsatz. Doch immer mehr Kinder verschwinden, auch Jais große Schwester ist eines Tages weg. Der Tod ist überall präsent.

Einem älteren Mann, der auf einer Müllkippe Flaschen sammelt und dort den Kindern Trost spendet, legt die Autorin gegen Ende der Geschichte dann diese Worte in Mund: "Heute oder morgen – eines Tages verlieren wir alle jemanden, der uns nahestand und den wir liebten. Glücklich sind diejenigen, die alt werden in der Überzeugung, dass sie Kontrolle über ihr Leben haben, aber auch sie werden eines Tages erkennen, dass alles ungewiss ist und man irgendwann für immer verschwindet. Wir sind nur Staubkörner in dieser Welt, leuchten einmal kurz in der Sonne auf, und dann verschwinden wir im Nichts. Du musst lernen, deinen Frieden damit zu machen."

Deepa Anappara: "Das, womit die Kinder da fertig werden müssen, ist schon auf einem ganz anderen Level als bei uns hier. Aber ich denke, was in unser aller Leben früher oder später eine Rolle spielt, ist: wie geht man eigentlich mit der Unsicherheit um, wenn man jemanden verliert, der einem immer Halt und Sicherheit gegeben hat? Das, denke ich, ist eine sehr universelle Frage, die der Flaschensammler da versucht zu beantworten."

Julia Riedhammer, rbbKultur