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Der feine Unterschied - Die feministische Kolumne - Was war nochmal Polemik?

Diese Woche wurden die Theodor-Wolff-Preise des Bundes der Zeitungsverleger verliehen. In der Kategorie "Meinung" ging der Preis an den Redakteur der Berliner Zeitung für eine lange Kritik am Genderstern. Das passt unserer Kolumnistin natürlich nicht. Allerdings aus anderen Gründen, als Sie vielleicht denken ...

Das Präsidium des BDZV besteht aus 16 Männern und einer Frau. Die Jury des Theodor-Wolff-Preises besteht dagegen neuerdings aus 5 Männern und 4 Frauen, letztes Jahr war das Verhältnis noch 6 zu 3. Vielleicht musste zum Ausgleich ein antifeministischer Text ausgezeichnet werden? Polemische Frage, stimmt. Ich will damit verdeutlichen, was Polemik ist. Denn die Jury fand, dass dieser Text, der "Das Märchen vom Gendersterntaler" heißt, "ohne jede Polemik" die Genderfrage beleuchte. "Allein mit der Kraft des Arguments und der Kompetenz" habe der Autor die Jury beeindruckt. "Hinreißend mutig" sei hier "gegen den Mainstream" angeschrieben worden.

Da möchte ich, natürlich ganz ohne Jury-Funktion, dennoch eine abweichende Meinung zu Protokoll geben.

"Genderist*innen" gendern angeblich alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist

Im Text geht es um Identitätspolitik, also darum, dass verschiedene bisher übergangene gesellschaftliche Gruppen sichtbarer werden wollen, unter anderem auch in der Sprache. Der Text sieht darin "das Gespenst einer Ideologie, die die Welt in wir und ihr teilt, die ein- und ausgrenzt, die Begriffe wie 'transphob' und 'woke' erfindet und Menschen damit kategorisiert". Noch ein Zitat: "Eines der Ziele der Identitätspolitik ist die Reinigung der Gesellschaft von allem, was als problematisch angesehen wird".

Der Text spricht von Genderist*innen, die alles gendern, was nicht bei drei auf den Bäumen ist – nur die Diktatoren angeblich nicht, die blieben männlich. Wäre mir neu. Wie auch immer: Der Text lehnt Gendersterne aus vielen Gründen ab und kommt zu dem Schluss: "Das generische Maskulinum ist eine Bastion der sprachlichen Effizienz und Klarheit in einem langsamen, bürokratischen und ein bisschen verrückt gewordenen Staat."

Eine Jury, die Polemik nicht erkennt und nicht vorhandene Kompetenz lobt

Wo die von der Jury hochgelobte Kompetenz des Autors liegt, müsste man noch genauer herausarbeiten, Genderkompetenz ist damit sicher nicht gemeint. Dann hätte mal die eine oder andere Studie eine Rolle gespielt, in der das Problem mit der verallgemeinernden männlichen Form beleuchtet wird. Mit Identitätspolitik hat der Autor sich eventuell auch noch nicht so ausgiebig beschäftigt. "Die Reinigung der Gesellschaft von allem, was als problematisch angesehen wird", ist jedenfalls kein "Ziel" der Identitätspolitik. Sie hat auch übrigens nicht damit angefangen, die Welt in "ihr" und "wir" aufzuteilen – sie möchte die in unserer Gesellschaft bereits existierende Aufteilung sichtbar machen, die vielen Menschen, die hier zu "anderen" erklärt werden, das Leben schwer macht.

Also kurz: Der Text hat starke polemische Anteile und er ist nicht "gegen den Mainstream" gerichtet, sondern er verteidigt den Mainstream und den Status Quo gegen neuere Bestrebungen, unsere patriarchal geprägte Sprache zu demokratisieren. Das kann man alles super finden, gern auch "hinreißend mutig" und preiswürdig, dafür hat man ja Juries.

Ein bisschen verstörend ist aber schon, wenn die Jury eines der renommiertesten Journalistenpreise Deutschlands Polemik nicht als solche erkennen kann, nicht weiß, wo der Mainstream verläuft und Kompetenz lobt, wo keine ist. Um gerechte Sprache tobt ein Kampf. Dieser Text ist ein Kampftext. Den fand eine Jury preiswürdig, immer gern. Aber bitte als das, was er ist.

Heide Oestreich, rbbKultur