Henry Threadgill © Peter Gannushkin / Berliner Festspiele
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Alte Heroen und wenig Etabliertes - So war das Jazzfest Berlin

Am Sonntag ist das 60. Berliner Jazzfest zuende gegangen. Zu erleben waren viele alte Heroen, aber auch Neues und wenig Etabliertes. "Spinning Time" lautete das Motto. Jens Lehmann fasst zusammen, was für ihn am diesjährigen Jazzfest wichtig war.

Die Harmonie, den Wohlklang, die hat man sich beim Jazzfest in diesem Jahr bis zum Schluss aufgespart. Im Haus der Berliner Festspiele in der Schaperstraße ist die Sängerin und Gitarristin Joyce Moreno mit ihrer Band zu Gast. Man weiß zwar nicht so genau, warum, aber ein bisschen Bossa Nova mit einer der großen Stimmen Brasiliens kann ja nicht schaden.

Während Moreno noch ihre Hits in den sich leerenden Saal säuselt, geht im Quasimodo in der Kantstraße schon die große Abschiedsparty mit dem Andreas Roysum Ensemble ab. Und auch da traue ich meinen Ohren kaum, als ich die Treppen in den Kellerclub hinuntersteige: Da sind doch tatsächlich klassische Soul-Nummern dabei.

Laut und dissonant

Nach den vergangenen Festivaltagen ist das fast schon eine Gute-Laune-Explosion. Denn von Beginn an pendelte das diesjährige Jazzfest zwischen intellektuell überfordernder, frei improvisierter, geräuschhafter Musik und meditativen, fast schon rituellen Klängen hin und her.

Und zwischen oft enttäuschenden Auftritten großer alter Männer und jugendlichen Kreativexplosionen. "Spinning Time" lautete das Motto diesmal, und das war laut Festival-Chefin Nadin Deventer auch auf die Altersspanne zwischen neunjährigem Knabensopran und 85-jährigem Freejazz-Pianisten gemünzt.

Schon am ersten Abend donnert nämlich Alexander von Schlippenbach auf seinem Flügel herum, als gäb’s kein Morgen. Laut und dissonant muss es sein. Kann ja sonst jeder kommen.

Der frischgebackene Mangelsdorff-Preisträger und legendäre DDR-Jazzer Conny Bauer könnte dagegen auch auf dem Mars in seine Posaune pusten, so weit entfernt wirkt er von seiner Rhythmus-Gruppe, da galoppiert ihm Schlagzeuger Hamid Drake einfach davon.

Wunderklänge und Ungenießbares aus der "Riege der Alten"

Henry Threadgill zählt auch schon 79 Lenze, aber Alter schützt vor Langeweile nicht. Die Freejazz-Legende aus Chicago hat sich und der Berliner Großformation Potsa Lotsa XL ein Stück geschrieben, bei dem ich mich ernsthaft frage, wie viele Hörerinnen und Hörer das zum Auftakt der ARD-Jazznacht wohl zu Ende hören wollten. Drei Jahre Vorbereitungszeit, gefühlt ein halber Probentag, Ergebnis: ungenießbar – mein persönlicher Flop des Festivals.

Aus der Riege der Alten überzeugt mich einzig Fred Frith. Der legt sich seine Gitarre auf den Schoß, schickt warm blubbernde Klänge in den Saal, die Harmonien ziehen kleine Kreise, kehren immer wieder zum Beginn zurück, Muschelketten rascheln, Maria Portugal am Schlagzeug singt dazu mit samtiger Stimme, und oben drüber entlockt die großartige Trompeterin Susana Santos Silva ihrem Instrument hauchige Wunderklänge. Wie Postrock, nur noch schöner!

"High" mit Ambarchi, Bertling und Werliin in der Gedächtniskirche

Bitchin Bajas können das auch. Sie sind Bestandteil einer Hommage an die Chicagoer Szene, die als Wandelkonzert auf der Seitenbühne in der Schaperstraße daherkommt. "Sonic Dreams" heißt es – und die drei Keyboarder lösen den Titel am besten ein. Das zwitschert und wabert herrlich hypnotisch.

Und doch sind es wohl Ambarchi, Bertling und Werliin, die in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am gründlichsten die Zeit anhalten. Ambarchi lässt seine Gitarre mal nach Orgel, mal nach Synthesizer klingen – darunter grooven die beiden Schweden an Bass und Schlagzeug vor sich hin, dass man völlig high davon wird.

Der Paal Nilssen-Love Circus ist da eher ein Wachmacher, begeistert mit Kollektivimprovisationen und dreckigem Gitarrenrock à la Dan Auberbach, die tolle amerikanische Trompeterin Steph Richards mit Taktwechseln im Stile eines Robert Fripp …

Konzeptkunst, die polarisiert

Mein Top of the Festival ist aber das fantastische Red Desert Orchestra mit seinen westafrikanischen Rhythmen, die die Französin Eve Risser geschickt mit eingängigen Grooves und rauen Bläsersätzen verbindet. Und dazu tanzt die sympathische Französin auch noch ganz versunken am Bühnenrand vor sich hin, bevor sie die nächsten Akkorde in den Flügel poundet.

Und wer spielt in ihrem Orchester die schönsten Soli? Antonin-Tri Hoang, der mich noch zwei Abende zuvor mit seinem Quartett Novembre in "Apparitions" begeistert hat – und Susana Santos Silva, genau: die Trompeterin aus Fred Friths Ensemble.

Verbindungen schaffen, auch personell, das ist Festivalleiterin Deventer wichtig. Sie quatscht die Musikerinnen und Musiker immer wieder liebevoll in Kollaborationen hinein - und setzt dabei auf eine kleine, feine Jazz-Familie. So war die Spoken-Word-Künstlerin Moor Mother genauso wieder da wie die Gitarristin Mary Halvorson.

Das kommt natürlich nicht bei allen gut an. Unter Deventers Ägide hat die Polarisierung im Publikum stark zugenommen. Die einen fragen gebetsmühlenartig "Ist das überhaupt noch Jazz?", die anderen lassen sich von der Konzeptkunst mitreißen.

Beseelter Festival-Abschluss im Quasimodo

Jaja, auch ich erinnere mich zwischendurch an das Jazzfest vor zehn Jahren: Da hießen die Headliner noch Michael Wollny und John Scofield – und ich hab’s geliebt. Aber muss man das neue Jazzfest in der Hauptstadt der Freien Improvisations-Szene deshalb verdammen oder boykottieren? Nein!

Zumal man spätestens am letzten Abend im Quasimodo merkt, wozu so ein Festival eben auch da ist: Da liegen sich die Künstlerinnen und Künstler aus aller Herren Länder beseelt in den Armen, hören zu, feiern mit. Völkerverständigung durch Musik! Auch wenn es manchmal quietscht und fiept.

Jens Lehmann, rbbKultur

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