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Bild: Bildungsstätte Anne Frank

85. Jahrestag der Pogromnacht am 9. November 1938 - "Der Angriff auf Juden war immer der Angriff auf demokratische und liberale Werte"

9. November 1938 - Das Erinnern an die Pogromnacht vor 85 Jahren hat seit dem 7. Oktober dieses Jahres eine besondere Bedeutung. Die Reaktionen in Deutschland auf den Terror der Hamas gegen Menschen in Israel fanden viele Juden nicht nur enttäuschend, weil es offenbar an Empathie und Solidarität hierzulande mangelt, sondern mehr noch: die antisemitischen Aktionen machen vielen Angst. Haben die Deutschen aus dem Nationalsozialismus doch nichts gelernt? Über den 9. November sprechen wir mit Meron Mendel, Historiker, Pädogoge, Professor für transnationale Soziale Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank.

rbbKultur: Herr Mendel, viele Jüdinnen und Juden haben Angst angesichts des Antisemitismus in Deutschland. Wie geht es Ihnen selbst damit? Haben Sie auch Angst?

Meron Mendel: Ich mache mir vor allem Sorgen um meine Familie, meine Freunde und Verwandten in Israel. Es kommt mir fast wie ein Privileg vor, trotz der Gefährdung ein ziemlich bequemes Leben in Deutschland zu führen und mich über Angst zu beklagen. Nichtsdestotrotz merken wir, dass sich etwas geändert hat seit dem 7. Oktober. Man kann an den Hauptplätzen kaum noch über die Straße gehen. Oder die Pro Palästina-Demos, wo zum Teil antijüdische Parolen zu hören sind. Man hört auch immer wieder vom Anstieg antisemitischer Gewalttaten in den letzten Wochen.

rbbKultur: Sie selbst sind in Israel geboren und aufgewachsen. Vor 20 Jahren sind Sie nach Deutschland gekommen. Sie setzen sich immer wieder persönlich für ein versöhnliches Miteinander von Deutschen und Juden, auch von Palästinensern und Juden ein. Was wünschen Sie sich? Wie sollten Deutsche ihre Solidarität mit Israel, mit Jüdinnen und Juden im Moment zeigen?

Mendel: Ich will jetzt nicht bitter klingen, aber ich würde fast sagen: es ist zu spät. Wir hatten am 7. Oktober den schlimmsten Gewaltakt, das schlimmste Massaker an Juden seit dem Zweiten Weltkrieg. Rückblickend geschaut ist kaum etwas passiert – gerade, wenn man es vergleicht mit der Reaktion der deutschen Gesellschaft auf andere islamistische Terroranschläge, beispielsweise 2001 in den USA oder 2015 in Paris. Da gingen Hunderttausende Menschen auf die Straße, um zu protestieren. Jeder hatte sein Facebook-Profil mit dem Satz "Je suis Charlie" nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" geändert. Das ist jetzt nicht passiert. Natürlich stellt man sich die Frage, ob sich das rückwirkend wiedergutmachen lässt. Da bin ich mir gar nicht sicher.

rbbKultur: Was meinen Sie – woran liegt das?

Mendel: Das ist eine gute Frage. Ich denke, es liegt zum einen an der Vorstellung, dass Angriffe auf Amerikaner oder Franzosen Angriffe auf "uns" sind, auf die Europäer oder auf die westliche Welt. Wenn der Angriff auf Juden, auf Israel stattfindet, sehen wir das als einen Angriff auf jemand anders. Das ist meine Vermutung. Daher fühlen sich sehr viele Menschen dann nicht angesprochen, nicht persönlich und auch emotional nicht betroffen. Für uns Juden ist das ein Fremdheitsgefühl hier in Deutschland und Europa.

rbbKultur: Nun ist heute der 85. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938. Was für eine Chance bietet dieser Tag vielleicht? Was sollte der 9. November in diesem Jahr vermitteln?

Mendel: Sie erwischen mich in keiner besonders konstruktiven Gemütslage ... Ich kann nicht sagen, dass eine Chance besteht. Natürlich kann man sehr viel über Symbolik hören und über den 9. November 1938 kann auch heute im Hinblick auf die aktuellen Angriffe auf Juden 2023 diskutiert werden – das wäre schön. Ich denke aber nicht, dass es der Realität entspricht.

Der 9. November wird zwar von Politikern immer wieder erwähnt, es gibt offizielle Gedenkveranstaltungen, aber zugleich müssen wir auch zugeben, dass er in der Breite der Bevölkerung kein sehr bedeutender Tag ist. Wie sowohl die Erinnerungskultur als auch die aktuelle Form des Antisemitismus in der Breite der Gesellschaft zum Thema gemacht werden kann, ist für mich noch eine offene Frage. Ich würde nicht aufgeben. Ich würde immer sagen, dass wir gerade mehr junge Menschen dafür gewinnen müssen und dass diese verstehen, dass Angriffe auf Juden in der Geschichte immer Angriffe auf demokratische und liberale Werte waren. Dass das heutzutage nicht anders ist.

rbbKultur: Damit sprechen Sie schon etwas ganz Wichtiges an: die jungen Menschen. Sie sind selbst Pädagoge, seit 2010 Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, eine bundesweit führende Organisation in der Bekämpfung von Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus. Was ist in der Bildung in den letzten Jahren oder auch in den letzten Jahrzehnten wirklich versäumt worden?

Mendel: Wo wir immer noch nicht richtig angekommen sind, ist das digitale Zeitalter bzw. an den Quellen, wo junge Menschen - die sogenannte Generation Z - ihre Informationen über die Welt und Politik bezieht. Ich meine die sozialen Medien, YouTube, TikTok, Instagram.

Ich stelle immer wieder fest, dass ein Großteil der Sicht dieser Generation auf diese Welt aus Versatzstücken, aus Informationen, die zum Teil völlig falsch sind, basiert. Daher brauchen wir in der politischen Bildung, aber auch an Schulen viel mehr Präsenz in diesen Räumen. Wir müssen auch Alternativen schaffen und vor allem Jugendliche dafür qualifizieren, zwischen Wahrheit und Falschinformation zu unterscheiden, die Quellen kritisch zu überprüfen und sich selbst auf eine Weise zu informieren, die sie auch gewohnt sind zu konsumieren – und sei es in 10-Sekunden-Videos auf TikTok oder in bestimmten grafischen Darstellungen auf Instagram.

rbbKultur: Wie können Sie selbst mit der Bildungsstätte Anne Frank beitragen?

Mendel: Wir kooperieren beispielsweise mit dem jungen öffentlich-rechtlichen Format FUNK, mit Angeboten, die auf YouTube für junge Menschen produziert werden. Wir waren gerade in den letzten Tagen an der Planung eines Projektes, das in der Sendung "Palästina" stattfinden sollte – mit drei Jugendlichen: einem jüdischen, einem muslimischen und einem christlichen. Das sind Angebote, die das breite Spektrum von Jugendlichen ansprechen, in deren Sprache und nicht so aufgesetzt, nicht von oben nach unten. Denn nur mit Sonntagsreden werden wir sie nicht erreichen.

Das Gespräch führte Anja Herzog, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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