Sabine Kunst; Foto: Gregor Baron
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Sabine Kunst, Präsidentin der Humboldt Universität - "Die Universität ist ein sozialer Ort, wir alle leiden unter den fehlenden Kontakten"

Die Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin, Sabine Kunst, ist in ihrem Amt bestätigt worden. Damit ist sie die erste seit der Wiedervereinigung, die eine zweite Amtszeit antritt. Ein Anlass, auf die vergangene Amtszeit zu blicken und auch in die Zukunft. Wie kann die Universität sich wandeln - nicht nur im Hinblick auf Corona?

rbbKultur: Frau Kunst, bleibt jetzt alles beim Alten oder folgen Sie dem Motto "Alte Besen kehren gut"?

Kunst: Der neue Besen ist ja schon etwas angegraut. Ich gehe in eine zweite Amtszeit und freue mich auch darauf. Der große Vorteil ist jetzt nach einigen Jahren zu wissen, was die Humboldt-Universität in den nächsten Jahren noch machen könnte und sollte. Dazu haben wir uns in den letzten Wochen auch intensiv verständigt.

rbbKultur: Wer wählt eigentlich die Präsidentin/den Präsidenten der Humboldt-Universität zu Berlin?

Kunst: Das Konzil der Humboldt-Universität. Das ist eine Art Wahlmänner und Wahlfrauen-Gremium, das sich aus allen Statusgruppen der Universität zusammensetzt. Über die Gesamtheit der Universität wird eine Präsidentin gewählt, sodass von den Studierenden bis hin zu den Professoren alle ihren Stimmenanteil an diesem Konzil haben.

rbbKultur: Nun hatten Sie in Ihrer ersten Amtszeit auch Probleme mit den Studierenden. Ein Beispiel: der Skandal um den 2017 entlassenen Stadtsoziologen Andrej Holm. Es gab Leute, die nicht unbedingt mehr Vertrauen zu ihrer Präsidentin hatten. Wie konnten Sie das Vertrauen wiedergewinnen?

Kunst: Im Gespräch mit den Studierenden sehe ich schon viele, die auch Vertrauen haben, sodass man auch ein bisschen differenzieren muss, bei welchen Punkten Konflikte hochkommen und zum Teil hochgespielt werden.

Wenn man durch die Fakultäten geht - und das habe ich in den letzten anderthalb Jahren ganz intensiv gemacht - dann sind mir viele Studierende begegnet, deren Probleme ich mir gerne anhöre, ein offenes Ohr habe und diese Probleme dann auch abstelle. Und es gibt einige Gruppen, auch insbesondere in den politischen Gremien, die natürlich ein wichtiges Wort im politischen Diskurs der Universität haben. Da bemühe ich mich sehr, wirklich zuzuhören und auch vielleicht meine eigene Verhaltensweise in den nächsten Jahren noch einmal zu ändern, um einen weniger konfliktreichen Kurs an dem einen oder anderen Punkt zu steuern.

rbbKultur: Sie sagten, Sie hätten sich einiges vorgenommen und darüber auch schon diskutiert. Können Sie uns das wichtigste Beispiel nennen?

Kunst: Mir ist wichtig, dass man die Campi der Humboldt-Universität kennt. Man kennt den Campus Unter den Linden – aber was man weniger weiß, ist dass die Humboldt-Universität einen großen gemeinsamen Forschungscampus Nord dort hat, wo das Bettenhaus der Charité steht. An diesem Campus haben wir uns mit unseren Lebenswissenschaften tatsächlich nochmal einen neugestalteten Forschungsraum vorgenommen. Beispielsweise an Themenstellungen, die sich auf alles, was mit Neuro zu tun hat, konzentrieren.

Oder auch, dass die Chance besteht, zusammen mit dem Museum für Naturkunde die Öffnung zu Open Science und zu einem Public Engagement mit der Bevölkerung Berlins nochmal besonders zu entfalten. Um mit dem Museum für Naturkunde, das ja ganz viele kennen, sich dem Dialog zur Gesellschaft nochmal neu zu öffnen und dabei auch Nachhaltigkeitsfragen besonders in den Fokus zu nehmen.

Das sind zwei Sachen, die mir ganz spontan in den Kopf kommen.

Dann haben wir natürlich wirklich eine Perle auch im Transfer von Wissenschaft in Technologie mit Adlershof und dabei die Chance, mit vielen, die ganz spezialisiert in der außeruniversitären Forschung ihre Leistungen bringen, die Verbindung beispielsweise in der Physik und in den Materialwissenschaften in der Zukunft weiter zu profilieren.

Für die Studierenden und für all das, was wir jetzt aus der Krise mit Covid-19 lernen, ist ein wichtiger Punkt, dass wir in unserer Lehre die Möglichkeiten der Digitalisierung stärker nutzen müssen, um miteinander in Kontakt zu bleiben.

rbbKultur: Was heißt das genau: die Möglichkeiten der Digitalisierung stärker nutzen? Was heißt das konkret für die Humboldt-Universität?

Kunst: Wir wurden ins kalte Wasser geworfen und sind da so durchgeschwommen - manchmal mehr schlecht als recht. Viele Vorlesungen wurden umgestellt auf digitale Formate. Was fehlt: Wie kann man Arbeitsgruppen, Chaträume mit einer asynchronen Vorlesung verbinden? Wie kann man Konserven für große Vorlesungen herstellen und gleichzeitig auch die Intimität eines Austausches zwischen Studierenden damit kombinieren?

Das gilt jetzt für die Krisensituation - aber auch in Zukunft könnten wir tatsächlich zu einer neuen "Humboldt" kommen, in der tatsächlich wieder mehr kleine Präsenzgruppen miteinander ganz intensiv diskutieren. Große Vorlesungen lassen sich digital machen. Besser vorbereitet in intensive Diskurse und Diskussionsgruppen kommen und auch die Zeit zwischen Lehrenden und Studierenden anders zu verwenden.

rbbKultur: Die Präsenzlehre kann also nicht zu 100 Prozent durch digitale Lehre ersetzt werden?

Kunst: Nein. Die Universität ist ein sozialer Raum. Wir alle darben und leiden unter den fehlenden sozialen Kontakten. Zum Universitätsleben gehört eben auch, dass geschnattert wird, dass man nicht versteht, was der Professor/die Professorin gerade erzählt. Und es gehört dazu, dass das Campusleben, das Sich-begegnen in der Universität und das Ungezwungene auch Universität ausmacht.

Manchmal kommt der "Wow!"-Effekt, das Verstehen, genau in diesen Situationen und nicht dann, wenn man zu Hause sitzt und sich eine Konserve über eine Vorlesung anhört.

Man kann das Positive beider Dinge miteinander verbinden. Unsere großen Vorlesungen zur Vermittlung von Grundlagen kann man sicherlich in der Zukunft auch sehr gut digital machen. Dann hat man mehr Zeit für kleinere Veranstaltungen, um wieder zu einem intimeren Lernen an einer großen Universität zu kommen.

rbbKultur: Sie sind als Präsidentin sicherlich rund um die Uhr für die Humboldt-Universität im Arbeitseinsatz. Wie tanken Sie ganz privat auf?

Kunst: Ich genieße Werder, ich lebe in Brandenburg. Ich freue mich, wenn ich morgens zur Tür raustrete und noch eine Runde im Wald um den See laufen kann. Und ich freue mich, wenn meine große Familie mich fragt - um Rat oder auch nur darum, wie man dieses oder jenes kocht oder ob wir uns treffen können.

rbbKultur: Und wen fragen Sie um Rat?

Kunst: Ich frage meine Freunde, mein Team, das mir ganz, ganz wichtig ist - und meinen Mann am Frühstückstisch.

Das Gespräch führte Peter Claus, rbbKultur