Der Comiczeichner Felix Pestemer zeigt in der Alten Nationalgalerie sein Graphic Novel über zwei Kinder, die die Gemälde der Sammlung entdecken (Bild: rbb)
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Comic "Alles bleibt anders" zum Konzerthaus Berlin - Felix Pestemer, Comic-Künstler

Der Comic-Künstler Felix Pestemer ist Experte für Berliner Kulturgeschichte: vor zwei Jahren hat er einen Comic über die Sammlung der Alten Nationalgalerie herausgebracht. Und in diesem Jahr veröffentlicht er zum 200. Geburtstag des Konzerthauses ein gezeichnetes Geschichtsbuch zu diesem Kulturort. Auf rbbKultur erzählt Felix Pestemer, wie er die Fülle der Ereignisse in Bildern erzählt hat.

rbbKultur: Herr Pestemer, in Ihrem Buch "Alles bleibt anders" haben Sie viele Epochen des Konzerthauses Berlin dargestellt, beginnend mit dem Feuer 1817, bei dem das Haus bis auf seine Grundmauern niederbrannte. Im Comic beobachtet der Dichter E.T.A. Hoffmann das Feuer zusammen mit seiner Frau. Haben Sie diese Geschichte recherchiert?

Pestemer: Auf die Geschichte habe ich sogar Wert gelegt, denn eigentlich wollten wir mit der Eröffnung 1821 beginnen. Ich fand diesen Prolog vom Brand des Nationaltheaters – so hieß es damals noch - so toll und anekdotenreich, dass ich darauf gepocht habe, diese Geschichte einzubauen.

rbbKultur: Wo sind Sie auf diese Geschichte gestoßen?

Pestemer: Es gab einen Brief an einen Freund von E.T.A. Hoffmann, der "das Event" von der anderen Straßenseite aus "live" erlebt hat. Beschrieben mit viel Galgenhumor – auch mit der tollen Metapher, wie die Perückenkammer in die Luft ging.

rbbKultur: Ihr Buch ist voller Anekdoten: Marlene Dietrich kommt darin vor, Leonard Bernstein und auch eine Putzfrau in der Kaiserloge. Wie haben Sie ausgesucht, was ins Buch kommt?

Pestemer: Meine Auftraggeberinnen, Elena Kountidou und Annette Zerpner vom Konzerthaus, kennen sich besser mit der Geschichte des Schauspiel- und späteren Konzerthauses aus. Wir haben gemeinsam entschieden, was es wert ist, eine kleine Comic-Story zu werden. Und dann gab es noch die Stadtpanoramen vom Gendarmenmarkt.

rbbKultur: Konnten Sie anhand dieser besonders gut darstellen, was in welcher Epoche passierte?

Pestemer: Das war zum Teil eine sehr aufwendige Recherche. Ich hatte zum Glück Hilfe von den Historiker*innen Jörg Zägel und Maria Brosig, die mir sehr viel zugearbeitet haben und auch immer im Hinterkopf hatten, dass es mir hauptsächlich um die narrativen Bilder geht.

rbbKultur: Ihr Buch ist eine Auftragsarbeit zum 200. Jubiläum des Konzerthauses. Ein Jahr hatten Sie dafür Zeit. Haben Sie die ganze Zeit daran gearbeitet?

Pestemer: Absolut. Und ohne Corona hätte ich es vielleicht gar nicht in der Qualität geschafft. Ich habe das Buch heute erst erhalten und bin sehr erfreut darüber, wie schön es geworden ist.

rbbKultur: Was ging denn besonders schnell bzw. wofür haben Sie besonders lange gebraucht?

Pestemer: Den Konzerthaus-Part habe ich mir aufgehoben, davor hatte ich ein bisschen Muffensausen. Darüber ist viel dokumentiert, es gibt unheimlich viel Fotografisches, Filmmaterial und vor allen Dingen viele Zeitgenossen, die einem auf die Finger klopfen können und die zum Teil auch noch heute im Konzerthaus arbeiten und wirken und sich dann zum Glück auch eingemischt haben.

rbbKultur: Gab es denn Fehler?

Pestemer: Es gab Änderungswünsche. Ich versuche, meine Freiheiten immer auszureizen. Und dann müssen historische Fakten auch mal ein bisschen angepasst werden. Aber wir sind uns da gut einig geworden.

rbbKultur: Welche Episode, die Sie über das Konzerthaus erzählen, ist denn Ihre Lieblingsepisode?

Pestermer: Das kann ich gar nicht so genau sagen. Die vier Comic-Geschichten liebe ich alle sehr. Die finde ich am Ende auch wichtig, damit es etwas zum Schmökern wird.

rbbKultur: Sie beschreiben auch alles sehr plastisch - zum Beispiel am Anfang des Buches: E.T.A. Hoffmann liegt im Bett, seine Frau bereitet ihm netterweise das Frühstück zu und sieht plötzlich das Konzerthaus brennen ... Da kann man sich sehr gut reinversetzen.

Pestemer: Ja, das ist alles belegt. Aber wie ich die Figuren dann belebe, ist meine persönliche Fiktion. Ich liebe zum Beispiel auch die Episode über Fontane als Theaterkritiker. Er war gnadenlos und auch wahnsinnig lustig. Dann wird es düster mit Gründgens und Göring, und ganz am Ende wird dann noch die Wiederaufbaugeschichte zu DDR-Zeiten aufs Korn genommen.

rbbKultur: Sie haben bereist einen Comic über die Alte Nationalgalerie veröffentlicht: "Im Auge des Betrachters". Darin erzählen Sie die Geschichten der Bilder in den Sammlungen und erwecken die Personen in den Gemälden zum Leben. Haben Sie etwas Spezifisches an der preußischen Kultur entdeckt, das Sie reizt?

Pestemer: Das war auch eine Auftragsarbeit. Dass damals die Wahl auf die Alte Nationalgalerie fiel, lag unter anderem auch daran, dass es viele Baustellen auf der Museumsinsel gab und dass das gut fassbar war. Es ist Kunst aus dem 19. Jahrhundert, insofern war Preußen ein wichtiges Thema bei der Recherchearbeit und dann auch bei der Erstellung des Comics. Das war eine Parallele zum Buch "Alles bleibt anders".

rbbKultur: Sie sind Vater von zwei Kindern. Können Sie ihnen durch Comics Kunst und Kultur näherbringen?

Pestemer: Das passiert eher durch Formate, wo sie sich Bilder angucken. Allerdings ist von meinen Bilderbüchern nur ein einziges erschienen – und das noch nicht mal auf Deutsch …! Meine Kinder sind gute Kritiker: was langweilig ist, fällt schnell durch.

Das Gespräch führte Carolin Pirich, rbbKultur. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das ganze Gespräch können Sie als Audio nachhören.