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Kommentar von Barbara Behrendt - Die Berliner Theater sind austauschbar

Die Berliner Theater spielen wieder – und so gut wie nirgends auf der Welt gibt es eine so große Theaterdichte wie hier. Man würde also meinen, dass jedes Theater ein individuelles Profil braucht, um sich bei der Konkurrenz durchzusetzen. Doch unsere Kommentatorin Barbara Behrendt stellt die Frage: Ist das Programm der großen Berliner Theatertanker nicht völlig austauschbar?

Legendär waren sie, die Inszenierungen, mit denen Frank Castorf den Ruhm der Volksbühne nach Erwin Piscator mehrte. Postdramatisches Ost-Theater voller intellektueller Querverweise. Gesamtkunstwerke aus manischem Schauspiel, Bühnenbild- und Videokunst. Unverwechselbar Castorf. Unverwechselbar Volksbühne.

Wer heute einen Castorf sehen will, der muss am Schiffbauerdamm suchen. Seitdem der Intendant und Regisseur seine eigene Bühne verlor, hat er am Berliner Ensemble Unterschlupf gefunden. Dort macht er im Wesentlichen das Gleiche – räudiger Volksbühnen-Stil auf der kleinen Neo-Barockbühne vor roten Plüschsesseln und höfisch eingefassten Logen. Deplatzierter geht es natürlich kaum, aber das Berliner Ensemble schmückt sich gern mit dem Namen Castorf.

So wie sich auch die Schaubühne zuletzt gern mit dem Namen Herbert Fritsch schmückte, dessen dadaistische Körper-Clownerien man bis dato ebenfalls fest mit der Volksbühne verankert hatte. Noch absurder treibt das Bäumchen-wechsel-dich-Spiel René Pollesch: Der leitet zwar ab August die Volksbühne und kann dort inszenieren, so viel er Lust hat. Doch auf dem Spielplan des Deutschen Theaters findet sich im Januar: ganz genau – eine Pollesch-Uraufführung.

Den Vogel abgeschossen aber hat Ersan Mondtag. Die postpandemische Theatersaison im Juni eröffnete der Regisseur an gleich drei Häusern: am Berliner Ensemble, am Maxim Gorki Theater und am HAU, dem Hebbel am Ufer, kamen innerhalb von gut zwei Wochen alle drei Inszenierungen heraus. Dass es die künstlerische Arbeit nicht besser macht, wenn man an drei Dingen gleichzeitig schraubt, ist offensichtlich. Trotzdem ist es weniger den Künstlern vorzuwerfen, wenn sie die Aufträge sämtlicher Häuser annehmen.

Das Problem liegt bei den Theatern. Die linke Volksbühne, das Brechtsche Berliner Ensemble, die sozialrealistische Schaubühne, das gediegene Klassikerhaus Deutsches Theater – diese Profile haben sich längst abgeschliffen. Nur das Gorki hält noch halbwegs an seinem Ruf des postmigrantischen Theaters fest. Grundsätzlich gilt: Eingekauft wird, wer hoch im Kurs steht – erneut ein Zeichen dafür, dass Theater heute mehr wie Börsenunternehmen entscheiden denn wie Häuser der Kunst und der Seelenbildung.

Aber wer in den Spiegel blickt und dort kein unverwechselbares Gesicht, kein Profil erkennen kann, der weiß nicht, wer er ist. Und wer nicht weiß, wer er ist, der weiß auch nicht, wofür er steht. Um das zu kompensieren, muss gepumpt, gepost und geschwitzt werden, es muss im Hamsterrad gerannt und eine Premiere nach der anderen rausgehauen werden als gäbe es kein Morgen. Die Diagnose lautet: Profilneurose. Definiert als: neurotische Angst, zu wenig zu gelten und das daraus resultierende übersteigerte Bemühen, sich zu profilieren.

Ab auf die Couch also bitte – im eigenen Interesse. Denn wenn in der Postpandemie die Kassen leer sind, braucht es starke, individuelle künstlerische Überzeugungen, um sich zu behaupten – und keine austauschbaren Spielpläne, als handele es sich lediglich um verschiedene Filialen ein und derselben "Starbucks"-Kette.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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Rezensionen

Starker Wind von Jon Fosse Regie: Jossi Wieler Bühne & Kostüme: Teresa Vergho Musik: Michael Verhovec Dramaturgie: John von Düffel Auf dem Bild: Max Simonischek, Maren Eggert, Bernd Moss. (Quelle: Arno Declair)
Arno Declair

Deutsches Theater | Kammerspiele - "Starker Wind" von Jon Fosse

Der Autor Jon Fosse wird gern als der "norwegische Beckett" bezeichnet. Das Wichtigste bleibt unsagbar und steht zwischen den Zeilen. Anfang der 2000er war Fosse einer der weltweit meistgespielten Dramatiker – nach 30 Theaterstücken zog er sich dann aber in die Prosa zurück. Bis dann 2020 ein neuer Monolog für die Bühne erschienen ist, für den er in Norwegen prompt mit dem renommierten Ibsen-Preis ausgezeichnet wurde. Jetzt ist er auch hierzulande mit einem neuen Stück zurück: Das Deutsche Theater in Berlin zeigt die deutschsprachige Erstaufführung von "Starker Wind".

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