Der Tag; © rbbKultur
Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Die Welt der Guermantes – die Folgen 37 bis 41

Auch unsere Autorin Doris Anselm liest jetzt seit über einem halben Jahr Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" mit – und spricht in ihrer wöchentlichen Kolumne darüber. Doch heute gibt sie zu: Sie fragt sich noch immer jedes Mal, ob sie das eigentlich richtig macht. Besonders im Vergleich zu anderen Proust-Auskennern.

Die wütende Souveränin

Immer wieder wünsche ich mir, ich könnte "souverän" mit Proust umgehen. Damit meine ich nicht das perfekte Auskennen, das lässt sich bei ihm sowieso nie erreichen. Nein, ich wünschte, ich könnte ihn durchgängig leichtnehmen, so locker und schöngeistig über ihn reden, wie das belesene ältere Herren oft tun oder auch manche Autorenkollegen.

Ich wünschte, ich könnte entspannt Prousts sprachliche Finesse genießen, seinen Witz und die Melancholie. Und die Voraussetzung für all das wäre, dass ich beim Lesen niemals wütend werden würde. Erstens sieht Wut, die sich auf die Fiktion eines Romans bezieht, immer ein bisschen dumm aus. Und zweitens ist Wut eben oft ein peinliches Zeichen dafür, dass man nicht souverän ist.

Aber heute ist mir klar geworden: Ich werde bei Proust niemals souverän sein. Und vielleicht liegt das auch daran, dass ich eine Frau bin. Krasser Satz, oder? Muss ich erklären.

Das Wort "souverän" kommt von "regieren". Souverän ist man, wenn man Herrschaftsrechte hat, die man zur Not ausüben könnte. Das Wissen, so etwas zu haben, entspannt einen auf angenehme Art, oft wird man davon geradezu bescheiden. (Etwa so wie die Adeligen bei Proust, die sich in einem Salon unter Bürgerlichen auf das niedrigste Höckerchen setzen.)

Was genau man "beherrscht" ist unterschiedlich, und offiziell kann es natürlich auch schlicht ein Wissensgebiet sein – zum Beispiel die Werke von Proust. Aber Souveränität ist eben mehr als Wissen.

Egal, wie genau ich lese und egal, wieviel ich noch dazu lerne: Ich werde bei Proust immer diese total unsouveräne Wut spüren, wenn sein junger Held mal wieder eine Kellnerin begrapscht und ihr vorschlägt, sie solle ihn im Halbdunkel, hi hi, nach Geld durchsuchen, und wenn der rückblickende Autor-Erzähler dieses Verhalten dann nicht vorführt, wie sonst manche Fehltritte des jungen Mannes, sondern mit seiner ganzen schwärmerischen, sprachlich feinen Proust-Melancholie auf das sinnliche Abenteuer der Jugend zurückblickt.

Ich dagegen schüttle mich vor Ekel. Und kaum ein männlicher Kollege wird meinen Ekel und meine Wut wirklich nachfühlen können, selbst wenn er die Szene als gewaltsamen Übergriff erkennt. Denn mein Kollege ist entspannt. Ein Mann musste mit bestimmten Übergriffen kaum rechnen, und historisch gesehen genauso wenig damit, dass man ihm qua Geschlecht Kompetenz abspricht. Seine Entspanntheit ist ein doppeltes Herrschafts-Privileg. Dank diesem hat mein Kollege die innere Ruhe, stets nur sprachverliebt, unterhaltsam und geradezu bescheiden über Proust zu schreiben. Souverän halt. Er könnte sogar über Prousts Sexismus schreiben, und das würde dann keiner nervig finden, sondern engagiert und wunderbar.

Bitteschön: In unseren Proust-Folgen diese Woche werden Frauen derart selbstverständlich zur Dekoration, zum Fetisch oder zum naiven Ding gestempelt, dass ich mir eine genauere Wiedergabe samt Zitaten einfach mal erlassen hab. Und das ist doch vielleicht die größte Souveränität – hier und da einfach zu sagen: Ich. Muss. Gar nichts.