Hartmut Dorgerloh © Gregor Baron
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Eröffnung des Humboldt Forums - Hartmut Dorgerloh: "Nicht nur draußen protestieren - reinkommen und mitmachen!"

Endlich ist es auch für das Publikum offen - das Humboldt Forum. Hartmut Dorgerloh ist der Generalintendant. Dennoch: Viele Fragen bleiben offen, zum Beispiel, wie mit der Kunst aus kolonialen Kontexten umzugehen ist, wie die diverse Berliner Stadtgesellschaft hineingeholt werden und wie das Humboldt Forum sich wirklich zu einem Forum entwickeln kann. Unter anderem darüber spricht Frank Meyer mit ihm.

rbbKultur: Herr Dorgerloh, dieser Eröffnungstag hat aufgrund von Corona und Verzögerungen beim Bauen auf sich warten lassen – jetzt ist es endlich soweit. Wie geht es Ihnen an diesem heutigen Tag?

Dorgerloh: Endlich offen! Das ist wirklich ein Seufzer aus tiefster Seele für alle Beschäftigten und alle, die sich diesen Tag sehnsüchtig gewünscht haben. Jetzt das Publikum in den Höfen zu sehen - das ist ein ganz großes Glück, denn es ist ein Haus für die Öffentlichkeit.

rbbKultur: Heute Mittag war die Eröffnungsfeier. Gab es da einen Moment, eine Geste, die Ihnen besonders viel bedeutet hat?

Dorgerloh: Ich fand es sehr schön, dass so viele Menschen einfach vorbeigekommen sind und geguckt haben. Es waren zur Hälfte geladene Gäste, Mitstreiterinnen und Mitstreiter, denn das Projekt hat wirklich eine ganz lange Geschichte. Der Förderverein war dabei, politisch Verantwortliche aus Partnerinstitutionen - aber eben auch viele Menschen aus der Stadt.

rbbKultur: Es gab bei der Eröffnungsfeier Proteste von Demonstrierenden. Wie hat das auf die Feier eingewirkt?

Dorgerloh: Die Errichtung des Humboldt Forums hinter den rekonstruierten Schlossfassaden war Gegenstand von vielen, vielen sehr kontroversen Diskussionen und schließlich einer politischen Willensbildung im Bundestag 2002, wo fraktionsübergreifend zwei Drittel der Parlamentarier für die Rekonstruktion und für dieses Nutzungskonzept Humboldt Forum gestimmt haben. In einer Demokratie ein wichtiger und richtiger Prozess, wie ich finde. Es wird lange diskutiert, aber es muss dann auch mal eine Entscheidung getroffen werden - in dem Fall eine klare Mehrheitsentscheidung.

Die Proteste und die Kritik sind damit nicht erledigt. Ich hoffe aber, dass die Debatten über das Humboldt Forum jetzt zukünftig im Humboldt Forum geführt werden. Denn wir wollen ein Ort sein, wo wir mit Menschen und ihren unterschiedlichen Positionen und Perspektiven ins Gespräch kommen, wo wir anderen zuhören. Aber auch beim Humboldt Forum wird es darum gehen, immer wieder gemeinsame neue Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit zu finden.

rbbKultur: Sie sagten auch, dass Sie die Kritiker bzw. die Kritik hineinholen wollen in Ihr Haus. Wie wird das jetzt passieren? Gibt es dafür Pläne?

Dorgerloh: Wir haben verschiedenste Gruppen und Initiativen eingeladen. Es wird zum Beispiel im September im Rahmen des Festival of Lights oder auch bei der Berlin Art Week sehr kritische Kommentare in Form von Videoarbeiten im Schlüterhof geben. Auch beim "Durchlüften", unserem großen Sommer-Open Air im August, werden an jedem Wochenende Künstlerinnen und Künstler und verschiedenste Stimmen aus der Stadtgesellschaft auftreten, die einen sehr internationalen biografischen Hintergrund haben. Die sind nicht alle große Freunde des Humboldt Forums.

Priya Basil hat es sehr schön gesagt: Vielleicht ist das Schloss ja auch ein Schlüssel zum Aufsperren der Köpfe. Zum Aufsperren auch der Programme: Mitmachen, koproduzieren - das ist ein Weg, den wir hier an vielen Stellen schon beschritten haben. Das sieht man zum Beispiel bei der Ausstellung "Berlin Global". Da kommen auch die Kritiker des Hauses und auch kritische Stimmen aus der Stadt sehr deutlich und sehr stark zu Wort.

Diese Politik des Einladens, die werden wir ganz aktiv in den nächsten Jahren und mit unserem Programm weiterverfolgen. Denn es ist wirklich wichtig, dass es ein Forum für alle ist. Ich hoffe, dass man nicht nur draußen steht und protestiert, sondern dass man auch reinkommt und mitmacht.

rbbKultur: Wahrscheinlich wird es dabei auch immer wieder um das Thema Kolonialismus gehen. Sie haben gesagt, dass die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und den Auswirkungen ein Kernthema des Humboldt Forums sein soll. Wie werden Sie dieses Kernthema bearbeiten?

Dorgerloh: Das ist wirklich ein ganz zentrales Thema. Wir haben drei Kernthemen: Die Geschichte des Ortes - da geht es um Demokratie und Diktatur, um Monarchie. Ganz klar aber eben auch um 800 Jahre spannende Geschichte an diesem Ort. Dann geht es um die Brüder Humboldt als Metapher für vernetztes, globales Denken und dann - ganz wichtig - Kolonialismus und Kolonialität – also wie koloniales Unrecht bis heute fortwirkt. Das sieht man ja, wenn man sich die Lebensverhältnisse, die ökonomischen Verhältnisse auf der Welt heute anschaut.

Das ist ein Thema, das natürlich auch durch die Sammlungen aus Asien, Afrika, den Amerikas und Ozeanien besonders wichtig ist im Haus. Diese eröffnen im September in den beiden oberen Etagen. Da wird es besonders darauf ankommen, auch die kolonialen Unrechtskontexte oder überhaupt die Zusammenhänge mit der Geschichte des Kolonialismus zu thematisieren. Die Staatlichen Museen, die als Eigentümerinnen der Sammlungen verantwortlich dafür sind, investieren zum Beispiel sehr viel mehr in Provenienzforschung, um mehr über diese Erwerbungsumstände herauszubekommen.

Das wird auch eine veränderte Praxis zur Folge haben - Stichwort: Restitution oder Zirkulation, die Zusammenarbeit mit Herkunftsgesellschaften – dort, wo die Stücke ursprünglich herkommen. Das ist eine wichtige Grundlage.

Aber es geht nicht nur um Objekte. Es geht vor allem um das immaterielle Erbe - Musik, Tanz, Literatur. Auch das ist ganz wichtig fürs Humboldt Forum und auch da gibt es Spuren kolonialer Geschichte.

rbbKultur: Heute starten Sie bei dieser ersten Eröffnung mit sechs Ausstellungen - das ist ein ganzer Eröffnungsreigen! Welche der Ausstellungen, die jetzt zu sehen sein werden, verkörpert das Programm oder das Profil des Humboldt Forums für Sie vielleicht am deutlichsten?

Dorgerloh: Das sind Ausstellungen der Stiftung Stadtmuseum, der Humboldt-Universität und unserer Stiftung, der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, und es tut mir leid, aber ich glaube, unsere Ausstellung "schrecklich schön. Mensch - Elefant - Elfenbein" zeigt eigentlich am deutlichsten, worum es im Humboldt Forum insgesamt gehen wird: nämlich um dieses Dreiecksverhältnis von Mensch, Elefant, Elfenbein und um die Fragen des Verhältnisses von Mensch und Natur.

Es geht um Umweltfragen, es geht um internationalen Handel, es geht um eine jahrtausendealte Geschichte. Elfenbein war aber eben auch ein Treiber für koloniale Ausbeutung. Im 19./20. Jahrhundert sind Millionen von Elefanten umgebracht worden, weil Elfenbein nicht länger ein Material nur für die wenigen Herrschenden war, sondern auch in bürgerliche Haushalte Einzug hielt - Stichwort: Billardkugeln oder Klaviertasten.

Was gibt es heute für Ersatzmaterialien? Es geht immer um die relevanten Fragen unserer Zeit und immer wieder werfen wir einen Blick zurück in die Geschichte. Das älteste Exponat, das wir hier in dieser Ausstellung haben, ist übrigens 40.000 Jahre alt – ein ganz beeindruckend filigran geschnitztes, kleines Mammut, das vor einem riesigen Mammut-Stoßzahn zu sehen ist.

Elfenbein hat die Menschheit schon immer fasziniert und diese Komplexität zu zeigen, das ist wirklich ein Anliegen unseres Hauses. Und davon sollen sich die Besucherinnen und Besucher jetzt selbst ein Bild machen.

rbbKultur: Nicht nur die sechs Ausstellungen sind eröffnet, sondern auch ein neues Haus, das man jetzt als Besucher*in in Besitz nehmen kann. Haben Sie schon einen Lieblingsort im Haus, den Sie besonders schön oder interessant finden?

Dorgerloh: Was ich besonders toll finde, ist das Videopanorama - gleich, wenn man in den Schlüterhof kommt. Da ist es auch besonders schön entspannend. Franco Stella, der Architekt, war heute auch bei der Eröffnung dabei und sagte, dass er es sich so wie eine italienische Piazza vorgestellt hatte. Wenn man dort in das Videopanorama geht, sieht man auf einem fast 30 Meter langen, großen Leinwandschirm die Geschichte dieses Ortes - von der Insel in der Spree bis zum Bau des Humboldt Forums und alles, was dazwischen war: Schlosspalast, Aufmarschplatz.

Das ist ein sehr eindrücklicher Ort, finde ich. In 14 Minuten kriegt man dort 800 Jahre Geschichte vorgeführt. Da bin ich sehr gerne und gucke mir auch gerne auch die großen, staunenden und neugierigen Augen der Besucherinnen und Besucher an.

Das Gespräch führte Frank Meyer, rbbKultur. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das ganze Gespräch können Sie als Audio nachhören.