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Kündigungswelle an Berliner Schulen verschärft Personalnot - "Vor fünfeinhalb Jahren ist die letzte ausgebildete Grundschullehrerin durch meine Tür gekommen"

In Berlin herrscht seit Jahren akuter Lehrermangel. Der Tagesspiegel hatte berichtet, dass 700 ausgebildete Lehrkräfte zum Sommer gekündigt haben. Warum? Und wie gehen die Schulen damit um? Ein Gespräch mit Astrid-Sabine Busse, Vorsitzende des Interessenverbands Berliner Schulleitungen und Leiterin der Grundschule in der Köllnischen Heide in Neukölln.

rbbKultur: 700 ausgebildete Lehrkräfte haben in Berlin zum Sommer gekündigt. Frau Busse, warum?

Busse: Mich wundert das nicht. Das geht schon seit langem so. Einer der Hauptgründe ist, dass Berlin seit 15 Jahren das einzige Bundesland ist, das nicht verbeamtet. Und wie wir alle wissen, liegt Berlin mitten in Brandenburg. Man muss also nicht weit in unserer Republik reisen, um einen sichereren Arbeitsplatz zu bekommen und verbeamtet zu werden. Da muss man nicht mal dahinterstehen, sondern es gilt: Angebot und Nachfrage.

rbbKultur: Gab es auch an Ihrer Schule Kündigungen von Lehrer*innen?

Busse: Ja, natürlich. Im Augenblick nicht, aber es gab mehrfach Kündigungen.

rbbKultur: Wie gleichen Sie das dann aus? Der Markt ist leer, Sie bekommen doch sicherlich nicht sofort Ersatz, oder?

Busse: Nein. Vor fünfeinhalb Jahren ist die letzte ausgebildete Grundschullehrerin durch meine Tür gekommen. Und ich glaube, es dauert auch noch viele, viele Jahre, bis wieder eine ausgebildete Grundschulpädagogin den Weg findet.

rbbKultur: Das heißt, auch Sie arbeiten jetzt überwiegend mit Seiteneinsteiger*innen?

Busse: Ja, mit Quer- und Seiteneinsteiger*innen, leider.

rbbKultur: Sie sagen leider – heißt das, Sie schätzen dieses Modell des Quer- oder Seiteneinstiegs nicht?

Busse: Es ist eine Notsituation. Es gibt im Moment nichts anderes. Im Prinzip gibt es sehr viele wertvolle Menschen, die wir auch ausgebildet haben. Aber es dürfen nicht zu viele werden, denn man muss sich sehr viel Zeit nehmen. Es muss auch noch grundständig ausgebildete Pädagog*innen geben, die sich um diese Kolleg*innen kümmern können. Es gibt Schulen, da sind die Quer- und Seiteneinsteiger*innen schon in der Überzahl. Da sehe ich auch als Laie, dass das Modell nicht weiter gut gehen kann. Das wird Auswirkungen auf den Bildungsstand unserer Kinder haben.

rbbKultur: Was bedeutet die jetzige Situation? Ausgangspunkt ist die Schlagzeile heute im Tagesspiegel, dass in Berlin 700 Lehrkräfte hinwerfen. Was bedeutet das für die Schülerinnen und Schüler?

Busse: Wenn der Mathematiklehrer oder die Mathematiklehrerin eigentlich noch keine Fachdidaktik erfahren hat, wie soll er oder sie dann in der Lage sein, auch bei gutem Willen den Stoff zu vermitteln?

Ein Beispiel: Mich hat heute eine ehemalige Schülerin angerufen, eine diplomierte Biologin, die überlegt, in den Quereinstieg zu gehen. Und wir haben schon unser Modell: Man hospitiert erst einmal und fängt langsam an, um zu sehen, ob das denn überhaupt der richtige Beruf ist. Diese ehemalige Schülerin hat heute ein Angebot bekommen, für mehrere Monate eingestellt zu werden. Sie hat noch nicht eine Stunde vor einer Klasse gestanden. Ich habe sie also beraten und sie wird es nicht tun. Aber das ist nur ein Beispiel. So groß ist die Not.

rbbKultur: Was ist Ihre drängendste Forderung an die Politik?

Busse: Diese Lücken wird es jetzt lange geben. Können wir nicht erst einmal endlich wieder auch Berliner Lehrerinnen und Lehrer verbeamten? Dass sie nicht als einzige hier weiter dümpeln, denn wir verlieren sonst Jahr für Jahr gut ausgebildete Kolleg*innen an andere Bundesländer.

rbbKultur: Was macht denn den Beamtenstatus so attraktiv? Wenn ich Lehrerin oder Lehrer aus Leidenschaft bin, ist es mir dann nicht egal, ob ich verbeamtet bin oder nicht?

Busse: Im Prinzip schon. Ich habe ganz jung angefangen und auch nicht darüber nachgedacht. Aber wenn einige wenige Kilometer weiter dieser Status oder eine weitaus bessere Bezahlung lockt, dann gehe ich da auch hin. So ist der Markt. Ich muss nicht einmal hinter dem Status des Beamtentums stehen. Untersuchungen können Ihnen vorrechnen, dass das Modell nicht das teurere ist, obwohl das gerne so gesagt wird. Wir haben keine andere Wahl. Wir müssen endlich das tun, was die anderen 15 Bundesländer tun.

rbbKultur: Es gilt also auch in der Bildung, dass das Geld das Entscheidende ist?

Busse: In Berlin steigen die angestellten Lehrer*innen mit einem sehr hohen Gehalt ein. Das ist es nicht vordergründig. Aber wenn ich eine möglicherweise noch sicherere Anstellung bekomme, dann kann man es den jüngeren Menschen nicht verdenken, dass sie das dann tun. Wie gesagt, Sie setzen sich in die S-Bahn und sind in Brandenburg.

Das Gespräch führte Peter Claus, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.