Der Tag; © rbbKultur
Bild: Jörg Carstensen/dpa

Diskussion um den Begriff "Ehrenmord" - "Es gibt nichts Ehrloseres, als einen anderen Menschen zu töten"

Zwei Männer haben in Berlin ihre Schwester getötet - mutmaßlich, weil sie sich durch ihren Lebensstil in ihrer "Ehre" gekränkt sahen. Nun wird über den Begriff "Ehrenmord" gestritten. Berlins Integrationssenatorin Breitenbach wollte nicht von "Ehrenmord" reden, sondern von "Femizid". SPD-Bürgermeisterkandidatin Giffey besteht dagegen auf der Bezeichung. Was sie an dem Begriff "Ehrenmord" problematisch findet, erklärt Christina Clemm, Rechtsanwältin für Gewaltopfer.

rbbKultur: Frau Klemm, ich weiß bereits, dass Sie den Begriff "Ehrenmord" ablehnen. Erklären Sie uns das bitte: Warum sollten solche Morde Ihrer Ansicht nach nicht "Ehrenmorde" genannt werden?

Clemm: Zunächst muss man natürlich hinnehmen, dass hier erneut eine ganz schreckliche Straftat geschehen ist. Ich habe tatsächlich auch gar keine Bedenken dagegen, die Gründe herauszufinden und zu benennen, warum diese Frau getötet worden ist.

Mein Problem mit dem Begriff "Ehrenmord" ist vielfältiger. Das eine ist schon die Übernahme dieses Wortes: "Ehre". Was soll denn eigentlich Ehre bedeuten? Nach meinem Begriff gibt es nichts Ehrloseres, als einen anderen Menschen zu töten. Schon das suggeriert etwas. Das andere ist, dass es ein unglaublich rassistisch konnotierter Begriff ist, denn man benennt eine bestimmte Form der Tötungen von Frauen als "Ehrenmorde" und hat dabei eine bestimmte kulturelle Vorannahme. Man würde niemals in der öffentlichen Debatte, wenn ein weißer deutscher Mann seine Ehefrau umbringt, weil sie ihn verlassen möchte, von einem Ehrenmord sprechen. Und deswegen gibt es sofort eine rassistische Komponente darin, und das halte ich für äußerst gefährlich und falsch.

Was ich richtig finde, ist genau hinzusehen: Warum geschah es? Welche Motive gab es? Und hier spricht doch alles dafür, dass es ein klassischer Femizid ist, also die Tötung einer Frau aufgrund patriarchaler Strukturen, aufgrund von Frauenhass. Und so sollte man ihn nennen. Das ist ein riesiges Problem, da ist Deutschland sehr rückschrittlich. Der Begriff der Femizide wird immer noch nicht anerkannt.

rbbKultur: Führt denn in der Rechtsprechung der Begriff "Ehrenmord" dazu, dass Morde, bei denen man solche Motive unterstellt, härter oder weniger hart bestraft werden als andere Morde?

Clemm: Juristisch gibt es den Begriff des "Ehrenmordes" nicht. Aber nach dem deutschen Strafrechtssystem ist immer die Frage, ob es ein "Mordmerkmal" - so nennen wir Jurist*innen es - gibt. Und das wäre das Mordmerkmal "niedriger Beweggrund". In der deutschen Rechtsprechung ist ganz klar anerkannt, dass die sogenannten Ehrenmorde immer einen niedrigen Beweggrund darstellen. Ganz anders - und das ist auch das Gefährliche daran - als bei den deutschen weißen Ehemännern, die ihre Frauen töten, die nun einen anderen Lebenswandel haben, weil sie die Familien verlassen – was auch immer. Dort wird dann eher von Eifersucht, von der nachvollziehbaren Enttäuschung über den Verlust des vorgestellten Lebensplans, geredet. Und diese Tötungen werden dann eher als Totschlag gewertet und deswegen mit einer zeitigen Freiheitsstrafe bedacht, während diese sogenannten Ehrenmorde immer mit einer lebenslänglichen Strafe bedacht werden.

rbbKultur: Franziska Giffey von der SPD hat geschrieben, dass nur, wenn Zwangsheirat und "Ehrenmorde" und auch ihre religiösen und kulturellen Hintergründe keine Tabuthemen sind, wir wirksam gegen die Ursachen vorgehen können. Was ist für Sie an diesem Argument falsch?

Clemm: Daran ist gar nichts falsch. Natürlich müssen wir uns die Ursachen sehr genau ansehen. Natürlich müssen wir die Hintergründe von all diesen - wie ich sagen würde - Femiziden genau angucken. Wir müssen erörtern, welche Strukturen dazu führen, dass in Deutschland jeden dritten Tag ein Partner oder Ex-Partner seine Frau tötet. Da müssen wir hingucken. Da kann man gerne alle Hintergründe beleuchten. Ich möchte auch wissen, ob jemand in einem christlichen Wahn getötet hat, ob das die Ursache war. Ich möchte alles genau angucken und auch sehr genau dokumentieren, damit endlich wirksamer Schutz für alle Frauen besteht.

Nun ist es aber so, dass es immer nur in diese eine Richtung geht. Das Gefährliche daran ist auch, dass wir die "Fremden" hier als die große Gefahr darstellen. Dann gibt es diesen Aufschrei. Aber dass die Mehrzahl der Männer immer noch weiß und deutsch und hier aufgewachsen ist, wird immer noch in den Hintergrund geschoben. Das Problem ist viel, viel größer und dafür brauchen wir viel mehr Schutzeinrichtungen, viel mehr Prävention und eben auch eine richtige Analyse des Problems.

Das Gespräch führte Frank Meyer, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.