Checkpoint Bravo © Michaela Gericke
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Unterwegs mit Michael Cramer - Der Mauer-Radweg – Teil 5: vom Checkpoint Bravo bis zum Griebnitzsee

Vor 60 Jahren begann der Mauerbau, also die nahezu unüberwindbare Teilung Berlins. 40 km lang war der Grenzstreifen in Berlin, 120 km zwischen Berlin und Brandenburg. Seit 20 Jahren ist der ehemalige Grenzstreifen nun ein größtenteils fahrradfreundlicher Weg, auf dem inzwischen schon tausende Räder rollten. Michaela Gericke hat Michael Cramer auf dem Mauerradweg begleitet. Diesmal vom Checkpoint Bravo bis zum Griebnitzsee.

"Ich war das erste Mal ohne meine Eltern im Urlaub mit meinem Bruder in St Peter Ording, ... auf jeden Fall war da plötzlich ‘ne Zeitung: Mauerbau in Berlin droht der Dritte Weltkrieg?

Und die ganzen Geschichten von unseren Lehrern, Eltern, aus dem Krieg, wo wir gesagt haben, kennen wir, ja, aber uns passiert das nicht, … ich hab richtig Angst gekriegt und geweint und dachte, oh jetzt erleb ich das doch."

Michael Cramer, der langjährige Verkehrsexperte der Grünen, über den Beginn des Mauerbaus am 13. August 1991. Nach dem Fall der Mauer gehörte Cramer zu den ersten, die den Weg an der einstigen Grenze entlang für Radfahrende und Fußgänger frei machen wollten.

Vor 20 Jahren hat er erstmals den öffentlich geführten Mauerstreifzug mit dem Rad angeboten, es kamen gleich hunderte Menschen. Seitdem sind es etliche tausend gewesen, die mit ihm den Mauer-Radweg gefahren sind.

Knapp 160 km insgesamt, 40 durch Berlin, den größten Teil entlang der Grenze zu Brandenburg.
Und auf diesen Wegen ist er auch jetzt wieder geradelt, Michaela Gericke hat ihn begleitet für unsere Sommerreihe anlässlich des Mauerbaus vor 60 Jahren. Die heutige Strecke bei uns reicht vom Checkpoint Bravo bis zum Griebnitzsee.

Checkpoint Bravo

Wir haben in Kleinmachnow die breite Autobahn 115 überquert und stehen vor dem Kommando- oder auch Führungsturm am DDR-Grenzübergang Drewitz, am Checkpoint Bravo:

Der massive zweigeschossige, gedrungene Wachturm ist heute Erinnerungs- und Begegnungsstätte. Draußen sind die feinmaschigen, so genannten Rippenstreckmetallzäune und Pfosten authentische Relikte der Grenze.

Der Verein Checkpoint Bravo e.V. präsentiert mit einer Open-Air-Installation historische Fotos der Transit-Kontrollstelle.

"Hier konnte die Grenze wirklich dicht gemacht werden. … Mit Alarm, Kfz-Sperre. Die hydraulisch über die Autobahn gezogen worden ist, die war in Sek-schnelle drüber, von Ost nach West kamen wirklich nur Transit-Reisende. LKW-Verkehr, insbesondere. Es war vielleicht die wichtigste Verkehrs- und Wirtschaftsroute Westberlins." (Robert Sommer)

Hier arbeiteten bis zu 1500 Menschen, ergänzt der Vereinsvorsitzende Robert Sommer in einem Video-Auftritt des Vereins.

Ehemalige Autobahntrasse in Kleinmachnow; © Michaela Gericke
Bild: Michaela Gericke

Die Avus
Wir radeln weiter, kommen zur stillgelegten Autobahntrasse der früheren AVUS, die auch schon Filmkulisse war. Auf dem Asphalt sind die Hinweise für LKW- Bus- und PKW-Spuren verblasst, in den Asphalt-Ritzen sprießt jede Menge Grün.

"Bis 1969 ging die Autobahn von Berlin durch die DDR nach Westdeutschland, aber die hatte einen kleinen Abschnitt durch die DDR und dann wieder Kohlhasenbrück gehörte sie wieder zu Westberlin. Das passte natürlich der DDR nicht, weil dann die Flucht einfacher gewesen wär. Deswegen haben sie ab 69 ne andere Autobahn gebaut, die heute noch existiert, und … nach dem Fall der Mauer wurde die alte Autobahn renaturiert, einen kleinen Streifen hätte man vielleicht asphaltiert lassen können, weil das die Avus ist, die Autobahn Verkehrs und Übungsstrecke, das war weltweit die erste Straße die nur für Automobile zugelassen war."

Im Jahr 1929.

Ein paar Mio. Euro hat der Berliner Senat inzwischen zur Verfügung gestellt, um den Mauer-Radweg noch besser und hoffentlich bald zugleich barrierefrei befahrbar zu machen. Das Grüne Band – wie der Mauer-Radweg nun auch heißt – ist streckenweise komfortabel: wie der Weg am Teltowkanal Richtung Kohlhasenbrück und: Steinstücken, der einstigen Westberliner Exklave. Nach dem Mauerbau mussten die Bewohner an einem abgezäunten Weg klingeln und sich von Grenzposten der DDR kontrollieren lassen, um von West-Berlin nach Steinstücken zu kommen oder wenn sie diese Exklave verlassen wollten. Erst im Dezember 1971wurde eine von beiden Seiten ummauerte Zugangsstraße gebaut. Heute erinnert fast nichts mehr an diese Situation.

Griebnitzsee
Wir radeln weiter, an den Filmstudios Babelsberg vorbei und kommen schließlich zum Griebnitzsee. Der Weg an ihm entlang war nach dem Mauerfall endlich wieder frei – auch für Glücksgefühle am Ufer mit hohem Gras und schönsten Wiesenblüten. Doch diese Freude dauerte nur ein paar Jahre.

"Als die Mauer gebaut wurde, wurden viele enteignet, einige wurden entschädigt, andere nicht; im § 8 des Mauergesetzbuchs der DDR stand:

Wenn der Sinn der Enteignung entfällt, bekommen die ehemaligen Eigentümer ihre Grundstücke wieder zurück. Als die Mauer fiel, hat sich die Bundesrepublik als Nachfolgestaat der DDR nicht daran gehalten, weil der Finanzminister Waigel, der war scharf auf die Berliner Mauergrundstücke, das waren 500 Mio DM."

Am Griebnitzsee, der entlang seiner Mitte zwischen Ost und West geteilt war, wurden die Grundstücke auf dem Gebiet der einstigen DDR also neu verkauft. Und in Potsdam dachte offenbar kein Politiker daran, den Uferweg für die Öffentlichkeit freizulassen.

"Am Griebnitzsee haben die nicht gesichert die acht Meter, sondern haben den Mauerweg gesperrt, deswegen müssen wir hier über die Straße fahren, das ist unglaublich, aber leider wahr.

In Bayern am Starnberger See werden die Millionäre enteignet damit die Öffentlichkeit am See entlang wandern und radeln kann, warum passiert das hier nicht."

Wir fahren also die Karl-Marx-Straße entlang, erahnen den See hinter den geschichtsträchtigen Villen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Hier residierten während der Potsdam-Konferenz 1945 im Schloss Cäcilienhof die Chefs der Alliierten: Josef Stalin, Winston S. Churchill, Harry S. Truman, um die Neuordnung Europas und das künftige Schicksal Deutschlands über zu beraten.

Dank an Fabian Derlig von Tk teltOwkanal

Michaela Gericke, rbbKultur

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Checkpoint Bravo © Michaela Gericke
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Mauer-Radweg "Checkpoint Qualitz" © Michaela Gericke
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Eine Podcast-Reihe mit Knut Elstermann - Mauer Macht Mensch

Vor 60 Jahren - am 13. August 1961 - ging es los: Stacheldraht wurde gezogen, Barrikaden aufgestellt, die Berliner Mauer errichtet.

In der Podcast-Reihe "Mauer Macht Mensch" blicken wir auf diese bewegte Zeit zurück. In neun Radio-Dokus und Hörspielen, allesamt Perlen aus dem Rundfunkarchiv, erzählen unsere Autoren und Autorinnen, wie die Mauer das Schicksal der Menschen im Osten und Westen der Republik geprägt hat und unser Leben bis heute noch beeinflusst.

rbb-Moderator Knut Elstermann unterhält sich vorab mit den Autoren und Autorinnen über ihr Werk.