Neue Nationalgalerie – Schlüsselübergabe © Marcus Ebener
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Das modernste Museumsgebäude Berlins - Raffinierte Lichtregie, massige Betonarchitektur: die Neue Nationalgalerie

Am Sonnabend wird die Neue Nationalgalerie wieder eröffnet, eine der bedeutendsten Sammlungen der Klassischen Moderne ist damit wieder zu betrachten. Aber auch der Bau selbst ist, meint unser Architekturkritiker Nikolaus Bernau, eine Sensation.

Nikolaus Bernau; Foto: Carsten Kampf
Bild: Carsten Kampf

Es ist lange her, dass man sich im Berliner Architektur- und Museumsleben so völlig ungehemmt freuen konnte: Die wieder eröffnete Neue Nationalgalerie ist eine Sensation. Dank der Architekten im Büro von David Chipperfield, allen voran Martin Reichert, und dank der für das Haus begeisterten Museumsleute. Die Kunstwerke strahlen geradezu in diesem Bau. Jedes historische Detail, das irgendwie erhaltbar war, blieb erhalten. Der Skulpturenhof kann endlich wieder betreten werden. Die raffinierte Lichtregie des Architekten Ludwig Mies van der Rohe ist wieder zu erleben. Erstmals ist sogar die massige Betonarchitektur unter dem leichten Glastempel frei gelegt, in den Garderoben nämlich.

Die Euphorie gleicht jener von 2009, als das ebenfalls nach Plänen von Chipperfield Architects wieder aufgebaute Neue Museum auf der Museumsinsel übergeben wurde. Beide Gebäude zeigen, was möglich ist, wenn ein Bau nicht nur als Fassade vor X-Quadratmetern betrachtet wird wie beim Humboldtforum mit seinen banalen Ausstellungssälen und der brutalen Kastenarchitektur an der Spree und zum Schlüterhof hin. Das Neue Museum und die Neue Nationalgalerie dagegen machen deutlich, was für kulturelle, emotionale und ästhetische Chancen entstehen, wenn Häuser als Charaktere – ja, man muss so pathetisch sein – geliebt werden.

Die neue Neue Nationalgalerie macht allerdings deprimierend klar: Seit den 1960er-Jahren haben die Staatlichen Museen und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz architekturhistorisch schlichtweg versagt. Dem Mies-Bau folgte noch die internationale Begeisterung für die neuen Museen in Dahlem, als diese 1970 nach den Plänen von Fritz Bornemann eröffneten. Danach kam das semibrutalistische Desaster des Kunstgewerbemuseum 1984, die irrelevanten Funktionsbauten des Kupferstichkabinetts und der Kunstbibliothek. Auch die Neue Gemäldegalerie von 1998 ist nur aus der kleinen Berliner Sicht ein herausragender Bau der Postmoderne. In der internationalen Perspektive wurde sie schlichtweg ignoriert: Zu müde, zu wenig gewagt, zu schematisch in der Architektur, in der Lichtführung.

Der irrwitzig teure Radikalumbau des Pergamonmuseums nach Plänen von 1999 wird vor allem beweisen, wie ungeheuer reich die Bundesrepublik ist und wie brutal sie mit der architekturhistorischen Vergangenheit umgeht. Ein kultureller Wert ist von diesem Projekt nicht zu erwarten. Und das Museum des 20. Jahrhunderts, für das trotz aller internationalen Proteste die Gründungsarbeiten vor der Neuen Nationalgalerie begonnen haben? Ganz abgesehen von allen städtebaulichen, architektonischen und museumsfunktionalen Bedenken: Auch in ökologischer Hinsicht ist dies Projekt ein Kind jener fatalen Wachstumsideologie, die die den Klimawandel vorantreibt.

Es mag seltsam klingen: Aber die Neue Nationalgalerie von 1968 ist gerade, weil sie nun so sorgfältig restauriert wurde, wieder das modernste Museumsgebäude Berlins. Eine Sensation seit 53 Jahren.

Nikolaus Bernau, rbbKultur

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