Mauer-Radweg – Falkensee © Michaela Gericke
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Bild: Michaela Gericke

Unterwegs mit Michael Cramer - Mauer-Radweg, Teil 6: am Griebnitzsee entlang bis zur Dorfkirche Alt Staaken

Am 13. August war der 60. Jahrestag des Mauerbaus. Seit 20 Jahren ist der ehemalige Grenzstreifen ein größtenteils fahrradfreundlicher Weg. Auf der sechsten Etappe ihrer Fahrt auf dem Mauer-Radweg fahren Michaela Gericke und Michael Cramer am Griebnitzsee entlang bis zur Dorfkirche Alt Staaken.

Mauer-Radweg – Mauerdenkmal am Ende des Groß Glienicker Sees© Michaela Gericke
Bild: Michaela Gericke

Wir starten am Griebnitzsee in der Karl-Marx-Straße Richtung Schlosspark Babelsberg, queren den See über die schmale Brücke und fahren durch Klein Glienicke; in der Zeit der Teilung ein winziges ehemaliges DDR-Gebiet auf Westberliner Seite. An einem der dörflichen Häuser ist das Wort KONSUM bewahrt worden. In dem Gebäude des einstigen Ladens für den täglichen Bedarf haben junge Familien ihr Zuhause gefunden. Wir radeln am Jagdschloss Glienicke vorbei, über die legendäre Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam, auf deren Mitte etliche enttarnte Spione ausgetauscht wurden. Der Weg entlang des Jungfernsees und am Schloss Cäcilienhof vorbei ist breit und gut befahrbar, erst hinter dem Volkspark Potsdam, am Lehnitz- und am Krampnitzsee werden spitze Schottersteine gefährlich für die Reifen. Hier, wo Berlin und Potsdam dicht beieinander liegen, folgt ein See auf den anderen. Die Grenze zwischen Groß-Glienicke und Kladow verlief mitten durch die Havel und durch den Groß Glienicker See. Der ausgeschilderte Ufer- Mauer-Radweg endet in einer Sackgasse.

"Obwohl der Radweg eigentlich gesichert war am Ufer des Glienicker Sees entlang, haben einige Eigentümer das abgesperrt, der Rechtsstreit geht schon über Jahre, eigentlich ist die Stadt Potsdam im Recht, und könnte die enteignen, weil es nach dem Gesetz so war, aber da gibt es einen ewigen Streit und deshalb passiert nichts. Am Griebnitzsee ist es ja ähnlich, aber da hatten sie vergessen, das Ufer zu sichern, aber die trauen sich nicht zu enteignen [...] Eigentum verpflichtet, das sollte eigentlich auch für Potsdam gelten." (Michael Cramer)

Wir nehmen eine Strecke an der Straße, vorbei an neu gebauten Villen, kommen aber wieder ans Ufer. Am Ende des Sees stehen – hier ganz authentisch – ein paar Segmente der 3 Meter 60 hohen Mauer. Ein Mann mit Basecap ist von seinem Rennrad abgestiegen und schaut auf die Informationstafel mit Luftbildern von der Grenzsituation.

"Ich bin jetzt seit 30 Jahren in Berlin, hab den Mauerfall mitbekommen und die Nachwendezeit, hab mich aber nicht dafür interessiert, damals war Party und Osten erschließen und // dann war sie halt weg, die Mauer und ich hatte immer diesen Radweg vor mir und dachte, das machste irgendwann und das hat dann wirklich 30 Jahre gedauert, bis ich ihn machte und hab dann Fotos und Geschichte angeguckt, und seitdem mag ich diesen Mauer-Weg wahnsinnig gern und entdeck immer nochmal so ein Stück Mauer, Hinterlandmauer, da nochmal ne Stele, superspannend." (Jürgen Hirsch)

Jürgen Hirsch fährt uns voraus und davon, wir nehmen zunächst den Weg entlang der lauten Potsdamer Chaussee. Die Mauer verlief genau parallel zu ihr. Die stark befahrene Autostraße liegt heute wie eine Schneise zwischen den ehemaligen Rieselfeldern. Ein Radweg durch dieses Gelände bietet eine erfreulich leise Alternative. Um uns herum: Himmel, Felder und Wiesen. Die Abwasseranlagen vom Ende des 19. Jahrhunderts sind heute renaturiert:

"Das waren die Rieselfelder der Stadt Charlottenburg, die hatten Abwasserprobleme, weil sie das in Charlottenburg nicht mehr entsorgen konnten, das haben sie dann auf diesen Feldern gemacht und die sind natürlich jetzt nicht mehr nötig." (Michael Cramer)

Die Dorfkirche Alt Staaken

Die eckige Form der Becken mit tiefen Gräben drum herum ist noch erkennbar. Es geht weiter durch hügelige Grünanlagen, Biotope mit Sommerblumen, seltenen Schmetterlings- und Fledermausarten im Naturpark Fort Hahneberg. Die Idylle wechselt mit Orten der Erinnerung an die Teilung: Für acht Flüchtlinge an der 33 km langen Grenze zwischen der DDR und Spandau wurden weiße Steine ins Straßenpflaster eingelassen. Wir queren die einstige Grenzkontrollstelle Heerstraße. Entlang der doppelten Pflastersteinreihe, die den Mauerverlauf markiert, kommen wir nach Staaken, das erst 1952 durch einen Gebietsaustausch geteilt wurde. Während West-Staaken im sowjetischen Sektor lag, also im so genannten Osten, gehörte Oststaaken zum britischen Sektor, also zum Westen.

"(Ich kenn Ihren Namen noch aus den 80er Jahren,) der Radexperte, ein Ruf über Jahrzehnte erstrampelt …", so begrüßt Pfarrer Cord Hasselblatt den Mauer-Radweg-Mitinitiator Michael Cramer an der Dorfkirche Alt Staaken.

"Die Dorfkirche Alt Staaken, 700 Jahre alt ungefähr, direkt am Grenzstreifen gelegen, Dann kam das ja zur verblüffenden Wende für alle, seitdem hat sich viel getan, das Grenzgefühl als solches ist schon ziemlich weg, es hat sich ja so viel verändert, baulich, das ist ja ganz anders geworden, aber die Erinnerung ist noch da bei den Älteren auf jeden Fall, das ist ja im Straßenland sozusagen eingepflastert, der ehemalige Grenzweg, bleibt historisch ein interessanter Ort, an dem man viel lernen kann.“ (Cord Hasselblatt)

Die Dorfkirche: ein Symbol des Widerstands von den 1930-er bis zu den 1980er Jahren. Drinnen versammeln sich 12 Persönlichkeiten aus dem 15. und 16. Jahrhundert, die hier wie Freunde miteinander kommunizieren, obwohl sie das zu Lebzeiten nicht waren. Mit dabei: der Domherr und Astronom Nikolaus Kopernikus, der Humanist Thomas Morus, Martin Luther und Thomas Münzer. Unter dem Christus-Kreuz sind sie eine Versöhnte Einheit. Ein Wandgemälde nach dem Entwurf des italienischen Künstlers Gabriele Mucchi, als Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung, über die zwei christlichen Religionen hinaus.

Michaela Gericke, rbbKultur

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Checkpoint Bravo © Michaela Gericke
Michaela Gericke

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Mauer-Radweg "Checkpoint Qualitz" © Michaela Gericke
Michaela Gericke

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rbb-Moderator Knut Elstermann unterhält sich vorab mit den Autoren und Autorinnen über ihr Werk.