Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 36 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Lust und Frust mit Proust - Sodom und Gomorrha – die Folgen 11 bis 15

Unsere mitlesende Kolumnistin Doris Anselm stellt diese Woche erleichtert fest, dass Marcel Proust trotz seines Mammut-Werks und seiner langen Sätze kein rechthaberischer "Sprach-Papst" war, sondern sogenannten Fehlern sehr aufgeschlossen gegenüberstand.

Marcel ihm sein Buttercroissant

Einmal, auf der Journalistenschule, habe ich einen "Deutsch-Papst" kennengelernt. Ich will nicht bestreiten, dass dieser ältere Herr uns ein paar nützliche Sachen beigebracht hat, zum Beispiel anschaulich zu schreiben. Einer unserer Übungsaufträge spielte in einer Bäckerei, und der Deutsch-Papst erlitt vor der Klasse einen Wutausbruch über den etwas allgemeinen Ausdruck "Backwerk", den jemand von uns benutzt hatte. "Nein, nein, nein!", schrie er, "Wenn Sie aus einer Bäckerei berichten, dann gibt es dort bitteschön Roggenbrötchen, Hefezopf und Buttercroissants! Von mir aus auch pappige Schrippen, aber niemals, niemals Backwerk!!!"

Leider war der Typ bis in einzelne Silben hinein komplett sprachpedantisch. Am Ende des Seminars fand ich ihn nur noch traurig. Und so geht es mir seitdem jedes Mal, wenn ich eine dieser oberlehrerhaften Deutsch-Kolumnen sehe, oder Bücher mit launigen Grammatik-Titeln wie "Die erste Person Singular ist dem Imperativ sein Tod".

Ich gebe zu, auch mir fallen in Texten oft sogenannte Fehler auf, zum Beispiel, wenn weder Hoteliers noch Journalisten zwischen einem "Ressort" und einem "Resort" unterscheiden. Oder ist die Schreibweise vielleicht doch egal?

Marcel Proust hat wahrscheinlich geahnt, dass er, bei Erfolg mit seinem 7-Bände-Epos, das Risiko eingehen würde, von seiner ganzen Nation zum Französisch-Papst gestempelt zu werden. Auch die Franzosen haben ja gewisse rechthaberische Tendenzen, was ihre Sprache und Aussprache angeht. Und Proust befasst sich im Roman viel mit sprachlichen Schnitzern, falsch benutzten Redewendungen und Sprech-Marotten.

Deshalb war ich erleichtert, in unserem Abschnitt der Woche eine Art Klarstellung zu finden. Der Erzähler redet mit seiner Haushälterin Francoise, die natürlich allein wegen des Klassengefälles ein ganz unsauberes Französisch spricht. Der junge Mann weist sie zurecht – aber der rückblickende Autor-Erzähler postuliert: "[…] die französischen Wörter, auf deren Aussprache wir so stolz sind, sind in sich selbst nichts weiter als 'Schnitzer', hervorgegangen aus dem Mund von Galliern, die das Lateinische oder Germanische schlecht beherrschten, denn tatsächlich besteht unsere Sprache nur aus fehlerhaft ausgesprochenen Wörtern einiger anderer. Der Sprachgeist im lebendigen Zustand zwischen Zukunft und Vergangenheit, das gerade hätte mich an den Fehlern interessieren sollen, die Francoise im Französischen machte."

Danke, Marcel Proust! Auch mich befremdet es immer, wenn gelehrte Leute den exakt gleichen Vorgang entweder wütend "Sprachverstümmelung" nennen (sofern er heute stattfindet und womöglich noch, igitt, durch Jugendliche und Migranten). Oder ihn mit linguistischer Feinschmeckerei gern als "Lautverschiebung" anerkennen, wenn die Sache dreihundert Jahre her ist. Aber was will man machen. Die Lautverschiebung ist halt wohl dem Linguisten sein Buttercroissant.

Doris Anselm, rbbKultur

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