Schriftstellerin Flannery O'Connor © Floyd Jillson
rbbKultur
Bild: Atlanta Journal-Constitution/AP Download (mp3, 6 MB)

Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Flannery O'Connor

Heute geht es in unserer Reihe "Die Überlesenen" um die amerikanische Südstaatenautorin Flannery O’Connor. Auf die Frage, welchen Rat sie denn jungen Autorinnen und Autoren geben würde, hat sie einmal geantwortet: "Mein Rat ist - zu lesen und zu schreiben und zu schauen und zu hören. Nimm dich selber nicht so wichtig wie das, was um dich herum passiert und wenn du unbedingt über dich selber schreiben musst, bewahre Abstand und beurteile dich mit den Augen und der Strenge eines Fremden." Manuela Reichart empfiehlt - nicht nur all denen, die schreiben wollen - unbedingt Flannery O’Connor zu lesen.

Ein böser und programmatischer Satz Flannery O’Connors lautet:

"Es ist durchaus möglich, die Menschen zu lieben, solange man sie nicht näher kennt!"

Sie erzählt in ihren beiden Romanen und meisterhaften Geschichten von ebenso selbstgerechten wie verzweifelten Menschen, von Rassis­ten und bigot­ten Christen, von abgrundtiefer Gemeinheit und Bösartigkeit. Und von einer göttlichen Gnade, die es trotz allem und für wenige Augenblicke gibt.

Liebe, trotz aller Aggres­sion

Da ist etwa eine Mut­ter, die ihre behinderte Tochter aus Fürsorge einem dubiosen Landstreicher anvertraut, eine andere, die aller Aggres­sion zum Trotz nicht aufhört, ihre erwachsene Tochter zu lieben: In der Geschichte "Anständige Leute vom Land". Da wird eine kluge junge Frau, eine ihre Mutter und ihre Umgebung verachtende Heidegger-Kennerin, die sich eigentlich gegen jedes Gefühl gewappnet hatte, von einem jungen Mann überwältigt.

Sie fällt auf den Vertreter herein, der es nur auf ihr Holzbein abgesehen hat.

Die Übersetzterin Anna Leube sagt: "Das lese ich als Selbstpersiflage: Die Frau die studiert hat und einen Doktor gemacht hat, die Philosophie studiert hat und nicht zuletzt, weil sie das Holzbein hat, weil sie alles tut, um noch unattraktiver und abweisender zu sein, als sie es von Natur aus wäre und die ja eigent­lich diesen Mann verführen will. Bis es dann umgekehrt passiert und ihr dabei das Holzbein abhandenkommt. Das ist eine schreckliche Karikatur."

Die Freaks und das Volk

Flannery O'Connor zu lesen, das bedeutet, sich einem literari­schen Erweckungserlebnis auszusetzen, denn diese katholische Südstaatenautorin be­schreibt meisterhaft, mit düsterer Ironie und beißendem Sarkasmus die ordentlichen, gläubi­gen Menschen ihrer Heimat. Ihre Herablassung, ihre Engstirnigkeit, ihre Irrtümer. Ihre Angst vor Veränderungen. Aber auch ihre Liebenswürdigkeit. Sie werden betrogen und hintergan­gen, kein gnädiger Gott steht ihnen zur Seite.

Der Schriftsteller T. S. Eliot schrieb über Flannery O‘Connor: "Meine Nerven sind nicht stark genug für die Lektüre."

O‘Connor antwortete ihm daraufhin - ziemlich stolz: "Meine Charaktere sind nun mal Freaks und das Volk."

Das Gewicht von Jahrhunderten liegt auf den nachgeborenen Kindern

Geboren wurde Flannery O’Connor 1925 in Savannah. Sie ist in ihrer Kindheit umgeben von vielen älte­ren Damen mit weißen Handschuhen und großen Hüten, unverheirateten Tanten, die regelmäßig die Treffen der Töchter der Konfödera­tion besuchen. Und es gibt in der katholischen Gemeinde selbstver­ständlich die Kirchen für die Weißen und die für die Schwarzen.

Flannery O’Connor wächst wohlbehütet auf, ihr Vater ist ein angesehener Mann, der im Immobiliengeschäft or­dentlich verdient und die Weltwirtschaftskrise gut übersteht. In diesen frühen Jahren – hat sie später einmal geschrieben – hat das Gewicht von Jahrhunder­ten auf ihr gelegen. Sie sei sich sicher, dass dieses Gewicht immer auf den nachgebore­nen Kindern liegt.

In ihrem Fall also das des amerikanischen Bürgerkriegs, des selbstverständlichen Rassismus, den es im Süden gibt und der in ihren Texten eine zentrale Rolle spielt.

Ein behütetes Leben und ein Werk voller Schrecken und Gewalt

Als Flannery O’Connor 15 Jahre alt ist, stirbt ihr Vater an einer seltenen unheilba­ren Autoimmunkrankheit. Die Eltern hatten der Tochter die Krankheit verschwiegen. Zehn Jahre später bekommt sie dieselbe Diagnose. Die Ärzte geben der jungen Frau damals fünf Lebensjahre - tatsächlich lebt sie nach der Diag­nose noch fast 15 Jahre. Auf einer Farm, gemeinsam mit ihrer Mutter, sie züchtet Pfauen und seltene Hühnerrassen. Und sie schreibt.

Obwohl sie in den folgenden Jahren ziemlich behütet lebt oder vielleicht ja auch, weil sie so behütet lebt, ist ihr Werk voller Schrecken und Gewalt, auf geradezu unheimliche Weise ge­langt sie in die Tiefen der menschlichen Seele, des menschlichen Verhaltens.

1955 erscheint ein Band mit Erzählungen: "A Good Man is Hard to Find" ("Ein guter Mensch ist schwer zu finden"). Ihr zweiter Roman kommt 1960 heraus: "The violet bear it away" ("Die Gewalt tun").

Flannery O'Connor stirbt mit 39 Jahren am 3. August 1964. Sie hat 32 Kurzgeschichten und zwei Romane geschrieben.

"The River" - eine Hommage an Flannery O’Connor

Einer O'Connors großen Verehrer ist der Sänger Bruce Springsteen. Sein Songtitel "The River" ist eine Hommage an die Schriftstellerin. Er hat einmal gesagt: "Ihre Erzählungen enthielten das Schauerlichste meiner Kindheit und gaben mir trotzdem das schöne Gefühl, in der Mitte dieses wirbelnden schwarzen Rätsels zu sitzen, über mir die Sterne und gleich darunter die Erde.“

Manuela Reichart, rbbKultur