Grace Paley, Schriftstellerin © Effigie/Leemage/dpa
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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Grace Paley

Bei der legendären 48. PEN-Konferenz 1986 in New York waren unter den 117 Teilnehmern, die dort das Wort ergriffen, nur 16 Frauen. PEN-Präsident Norman Mailer begründete das damals damit, dass es sich bei den Rednern um wirkliche Schriftsteller handeln müsse, dass außerdem das Thema des Kongresses intellektuell sei und dafür nur Susan Sonntag in Frage käme. Nach dieser Rechtfertigung ergriff die Schriftstellerin das Wort, um die es in unserer Reihe "Die Überlesenen" heute gehen soll: Grace Paley. In der Folge unterschrieben zweihundert Schriftstellerinnen eine Petition gegen den PEN - und verlangten das Rederecht. Manuela Reichart stellt Grace Paley vor.
 
 

Geboren wurde Grace Paley im Dezember1922 in New York als jüngstes von drei Kindern jüdi­scher Einwanderer aus der Ukraine. Ihr Vater war Arzt, der Englisch lernte, in dem er die Bücher von Charles Dickens las. Und er war - wie ihre Mutter auch - überzeugter So­zialist.

Die Gesellschaft sagte: "Du musst heiraten und Kinder kriegen"

Aufgewachsen ist sie in der Bronx, inmitten anderer jüdischer Einwandererfamilien. Zu Hause wurde jiddisch und russisch gesprochen. Und es wur­de viel erzählt. Sie ist ein kluges Mädchen, früh in sozialistischen Zirkeln engagiert. Wenn es nach ihren Eltern gegangen wäre, hätte sie Ärztin, Anwältin oder Lehrerin werden sollen.

Grace Paley: "Aber die Gesellschaft draußen sagte: Du mußt heiraten und Kinder kriegen. Ich sollte die­selbe Bildung bekommen wie ein Mann. Aber die Gesellschaft sagte mir: Du kümmerst dich besser um Männer."

Ein Leben zwischen Küche und Straße - immer dabei: ein Zettel, um eine Erzählung aufschreiben zu können

Grace Paley ist 20 Jahre alt, als sie 1942 heiratet. Sie folgt ihrem Mann, der in der Nähe von Chicago und Miami Beach stationiert ist. Sie schreibt Gedichte, kann sie auch ab und zu in einer Li­tera­turzeitschrift veröffentlichen.

Nach Kriegsende lebt das Paar wieder in New York, in Greenwich Village. Grace Paley bekommt zwei Kinder. Sie tut, was man von ihr erwartet, erzieht die Kinder, liebt ihren Mann, sitzt auf Spielplätzen – gemeinsam mit den anderen Müttern.

Die Lektorin Sabine Baumann:

"Man muss sich ihr Leben so vorstellen: zwischen der Küche, der Straße, wo man draußen unterwegs war, dem Park, wo sie die Kinder betreut haben. Immer hatte sie Zettel dabei, um ein Gedicht oder eine Erzählung aufschreiben zu können und so kam sie auch zum Schreiben ihrer ersten Veröffentlichung. Eine Freundin, die bei ihr in der Küche aus und ein ging, sagte: 'Du musst meinen Freund ken­nenlernen' - der war Lektor in einem Verlag. So ist ihr erster Band mit Erzählungen erschienen."

Paley lässt aus einer nebensächlichen Anekdoten ein ganzes Le­ben aufscheinen

1959 erscheint dieser Band, der den Titel "Die kleinen Widrigkeiten des Lebens" trägt. Den Titel kann man als Programm für das literarische Werk Paleys lesen.

Ihre Sprache, ihre Li­tera­tur, kam nicht zuletzt aus der Erinnerung an die Stimmen, die sie als Kind im Osten der Bronx gehört hatte: dem Gemisch aus Russisch, Englisch und Jiddisch. Aus dieser Mi­schung entstand ihr literarischer Ton, der auch eine kunstvoll rhythmisierte Variante des Sprechens ist. Sie macht aus dem, was ihr erzählt wird, was sie gehört hat, Geschichten, in denen sie alles Über­flüssige tilgt, in dem sie aus einer kleinen Geste, aus einer nebensächlichen Anekdote, ein ganzes Le­ben aufscheinen lässt.

Das Scheitern einer Ehe etwa erzählt sie aus der Perspektive einer Heldin, die es nicht schafft, ihre Bücher pünktlich in die Bibliothek zurückzubringen:

"Ich sah meinen Ex-Mann auf der Straße. Ich saß auf den Stufen der neuen Bibliothek.

Hallo, mein Leben, sagte ich. Wir sind mal siebenundzwanzig Jahre verheiratet gewesen, drum hielt ich das für gerechtfertigt.

Er sagt: Was? Was für ein Leben? Meins nicht.

Ich sagte: Okay. Ich streite nicht, wenn es um ausgesprochene Meinungsverschiedenheiten geht. Ich stand auf und ging in die Bibliothek, um zu fragen, wie viel ich denen schuldete.

Die Bibliothekarin sagte, runde 32 Dollar, und die schulden Sie seit achtzehn Jahren. Ich leugnete das kein bisschen. Denn ich verstehe nicht, wie die Zeit vergeht. Ich habe diese Bücher gehabt. Ich hab’ oft an sie gedacht. Die Bibliothek liegt nur zwei Blocks entfernt."

Überzeugte Feministin

Grace Paley erzählt ihre Geschichten fast immer aus einer weiblichen Perspektive. Ihre Protagonistin­nen sind alleinerziehende Mütter, verlassene oder unglückliche Ehefrauen. Frauen, die von einer bes­seren Zukunft träumen und das Glück suchen.

Wie viele Amerikanerinnen ihrer Generation wurde Grace Paleys traditionell geprägtes Bild, von dem, was und wie eine Frau sein, wie sie leben sollte, durch die Frauenbewegung in den 1960er Jahren er­schüttert und verändert.

Grace Paley ging als Bürgerrechtlerin auf die Straße, war in der Schule ihrer Kinder, ihrem Wohn­viertel aktiv und – sie war überzeugte Feminstin.

Grace Paley: "Ich habe Frauengeschichten geschrieben. Das waren ja die Menschen, die ich kannte, die versuchten, ihr sexuelles Leben zu leben: sensibel und radikal. Später hat mal jemand zu mir gesagt, willst du nicht über Frauen schreiben? Oh, das war das, was ich die ganze Zeit in der Frauenbewegung gemacht habe."

Manuela Reichart, rbbKultur