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Sebastian Krämer, Liedermacher | rbbKultur-Konzert "Stadt. Land. Lied" am 8. November 2021 - "Das geht immer mehr verloren: dass man in Läden geht und die Leute schon wissen, was man haben will"

Sein Markenzeichen ist der Krämerknoten, eine doppelt und dreifach gebundene Krawatte. Und seine abwegigen, beifällig-geistreichen Verse über die Details des Lebens, zu denen er sich selbst am Klavier begleitet. Sebastian Krämer ist Chansonnier und Kabarettist, gebürtiger Ostwestfale, aber Friedrichshainer im Herzen. Am 8. November tritt er bei einem rbbKultur-Konzert im Haus des Rundfunks auf: "Stadt. Land. Lied" mit Dota Kehr sowie Gisbert zu Knyphausen & Kai Schumacher. Ein Gespräch mit Sebastian Krämer.

rbbKultur: Herr Krämer, wir haben uns dieses Jahr schon einmal unterhalten hier auf rbbKultur. Da ging es um Ihr jüngstes Album "Liebeslieder an Deine Tante", für das Sie in diesem Jahr den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik bekommen haben. Ist das wirklich eine ganz besonders tolle Platte - oder wie ist Ihre kritische Einschätzung?

Krämer: Das hoffe ich sehr. Ich bin natürlich selbst noch sehr nah dran. Das letzte Album, das man gerade erst gemacht hat, hält man natürlich immer für das großartigste, sonst würde man gar nicht aushalten, es so vielen Menschen zu verkaufen und ihnen zu sagen: "Ach, bitte kaufen Sie das doch!", denn sonst könnte man auch sagen: "Kaufen Sie lieber ein anderes."

Aber es steckt natürlich auch noch die ganze Arbeit in den Knochen, die es gemacht hat. Eigentlich weiß man immer erst ein, zwei Jahre später, wie gut das Ding wirklich ist. Denn dann sagen einem Leute, die das Album vielleicht fünf, sechsmal gehört haben: "Ach, jetzt möchte ich es noch ein siebtes und achtes Mal hören! " Dann weiß man, dass es wirklich eine schöne Platte ist.

rbbKultur: Mit dem Album werden Sie auch bei unserem "Stadt. Land. Lied"- Konzert am 8. November im Rahmen der ARD Themenwoche "Stadt. Land. Wandel" auftreten. Wie ist das mit Ihnen als Stadtbewohner: Sie leben seit 25 Jahren in Berlin. Sehen Sie sich jetzt als Berliner?

Krämer: Das wage ich nicht zu beurteilen. Wenn ich berlinere, klingt das immer noch ein bisschen holprig – das kann man Berlinern eigentlich gar nicht zumuten. Ich fühle mich der Stadt aber schon verbunden. Meine Mutter kommt aus der Gegend, sie ist in Babelsberg aufgewachsen und es gab immer eine Verbindung zu Berlin. Schon als Kind bin ich öfter hingereist. In Berlin habe ich mich von Anfang an zu Hause gefühlt - so kann man es vielleicht sagen.

rbbKultur: Aber groß geworden sind Sie in Bad Oeynhausen, einer 50.000-Einwohner-Stadt in Ostwestfalen. Steckt jetzt noch viel Ostwestfälisches in Ihnen?

Krämer: Ich weiß gar nicht, ob man das so sagen kann. Meine Eltern kamen tatsächlich von ganz woanders her und zogen dann als Lehrer aufs Land – übrigens nicht nach Bad Oeynhausen, wo ich zwar geboren bin. Das liegt aber nur daran, dass da eben ein Krankenhaus war, wo man geboren werden konnte und wo dann die Leute, die gerade geboren werden wollten, hingingen! (lacht)

Nein, ich komme aus einer kleinen Ortschaft, die eigentlich nicht mehr ist als eine Biegung an einer Straße, wo ein paar Bauernhöfe stehen. Da bin ich wirklich aufgewachsen.

rbbKultur: Da haben Sie sich ja mächtig verändert mit dem Umzug nach Berlin! Sie haben auch so etwas wie eine persönliche "Berlin-Hymne" geschrieben. Ihre Worte für dieses Lied, das "Hundert Schritte" heißt, sind auch ziemlich melancholisch. Können Sie sich noch erinnern, in was für einer Stimmung das Chanson entstanden ist?

Krämer: Ich kann mich noch an die ersten Einfälle dafür erinnern. Diese Situation, dass man in leichter Bekleidung im Winter rausgeht, weil man weiß, dass es bis zur Videothek nicht weit ist und einem dann Leute entgegenkommen, die sich wundern. Da habe ich gedacht: das ist tatsächlich mal ein Anlass für einen Song.

Ich finde, so richtig stimmungsvoll ist es dann erst später geworden, als es das Lied schon längst gab, aber kaum noch Videotheken. Als ich das Lied geschrieben habe, da gab es noch welche. Genau diese Videothek in der Nähe meines Hauses hat dann zur Veröffentlichung des Liedes zugemacht - die ganze Kette. (lacht)

Dann haben wir ein Video gedreht mit den Videotheken, die ausgeräumt wurden, wo die Regale leer standen und die Plakate auf Halbmast hingen. Das hatte dann wirklich sehr viel Melancholie.

rbbKultur: Steckt in dem Lied vielleicht auch so ein Stück Jahr Abschiedsschmerz?

Krämer: Ja, sicher. Und es ist wirklich interessant, dass man auf diese Weise eine ganz liebevolle Beziehung zu etwas gewinnt, was man vorher für etwas Technisches, etwas Uninteressantes und Neumodisches gehalten hat, was es ja auch mal war. DVDs – das man denen mal hinterhertrauern würde, weil sie nicht mehr zum Ausleihen zur Verfügung stehen …! Andererseits tun sie es irgendwo dann ja doch noch. Man pflegt es, wo man es hat. Es wird fast unter Denkmalschutz gestellt. Es gibt auch Videotheken, die noch wirklich liebevoll gehalten werden. All das, was man sonst nur von der Vinyl-Schallplatte kennt, geht jetzt natürlich auch mit anderen Medien los.

rbbKultur: "Hundert Schritte" ist eine Art Kiez-Lied, ein Lied über Ihre unmittelbare Umgebung. Sind Sie ein Kiezmensch? Ist es Ihnen wichtig, feste Anlaufpunkte in Laufentfernung zu haben, an die Sie immer wieder gehen?

Krämer: Ich glaube, dass ich da relativ normal ticke. Das braucht der Mensch - so ein bisschen was in Richtung Dorf: Dass man auch mal Gesichter wiedersieht, die man schon kennt. Das geht immer mehr verloren. Dass man in Läden geht und die Leute dort schon wissen, was man haben will. Die Betriebe werden alle so umstrukturiert, dass das gar nicht mehr möglich ist. Das ist wirklich sehr schade.

rbbKultur: Ein fester Anlaufpunkt für Sie dürfte auf jeden Fall Ihr kleines Kleinkunst-Theater "Zebrano" sein, das Sie in Friedrichshain aufgebaut haben. Ist das eine Art Beitrag zur kulturellen Belebung des Kiezes dort von Ihnen?

Krämer: Ja, und hoffentlich ist das etwas, das auch als Dienst an der Allgemeinheit verstanden werden kann. Aber vor allem ist es natürlich mein künstlerisches Wohnzimmer, um mich auszutoben, wo ich am meisten die Sachen machen kann, auf die ich einfach Bock habe und wo ich am wenigsten Rechenschaft schuldig bin. Wo die Leute hinkommen, die auch gar nichts anderes von mir erwarten, als dass es da so ein bisschen so zugeht, wie ich es eben gerne habe.

rbbKultur: Jetzt hat sich Friedrichshain in den letzten Jahren mächtig verändert - mit diversen Kneipenmeilen und Ausgehzonen. Wohnen ist auch dort richtig teuer geworden. Wie geht es Ihnen mit dieser Veränderung?

Krämer: Man trauert dem einen oder anderen hinterher und versucht, sich selbst wacker zu halten. Es ist ein weites Feld ... Die Straße, in der diese Wohnung war, von der aus es 100 Schritte bis zur Videothek waren – das kann ich jetzt sagen, weil ich dort nicht mehr wohne - die Knorrpromenade, wurde auch umgestaltet: Es wurde schön renoviert, die Wohnungen wurden teurer und es veränderte sich alles so ein bisschen. Drumherum sind dann Läden eingegangen und was dann wieder aufgemacht hat, war dann schon weniger familiär, weniger sympathisch. Man muss einfach selber dagegenhalten und versuchen, wo man kann, etwas zu machen, was dann wieder freundlicher oder netter ist.

rbbKultur: Ich bin gespannt, was für ein Bild von Berlin und vielleicht auch vom Land Sie bei unserem "Stadt. Land. Lied"-Konzert zeichnen werden. Haben Sie schon einen Plan gemacht, was Sie spielen werden?

Krämer: Ich bin noch nicht fertig mit dem Planen. Es gibt sehr viel, was unter dem Eindruck des Stadtlebens entstanden ist. Ich brauche aber auch Beiträge zum Thema Land und das ist bei mir halt schon etwas länger her. Da gibt es zum Beispiel "Die Ballade vom Schweinehund". Darin geht es um meinen Hund, der sich damals sehr gern in der Gülle gewälzt hat und dann ganz schuldbewusst nach Hause geschlichen kam. Das halte ich für eine sehr typische Landszene. Da haben die Hunde in der Stadt weniger Chancen!

Das Gespräch führte Frank Meyer, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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Stadt. Land. Lied

Am 8. November um 18 Uhr 30 treffen im Kleinen Sendesaal drei Songwriter aufeinander: Sebastian Krämer, Dota Kehr und Gisbert zu Knyphausen. Sie singen Lieder über Stadt und Land, Städter auf dem Land, Landeier in der Stadt: Stress in the city trifft Brandenburg lazyness. Gisbert zu Knyphausen wird gemeinsam mit dem Pianisten Kai Schumacher Lieder von Franz Schubert ins Hier und Jetzt holen.