Janet Frame © picture-alliance/ dpa/ Sam_Henderson
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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Janet Frame

Die neuseeländische Autorin Janet Frame steht heute im Zentrum unserer Erinnerungsreihe "Die Überlesenen". Janet Frame führte ein zurückgezogenes Leben. Vor 30 Jahren allerdings stand sie plötzlich im besonderen Licht der Öffentlichkeit, weil ihre Autobiografie "Ein Engel an meiner Tafel" prominent für das Kino verfilmt wurde. Manuela Reichart stellt diese überlesene Autorin vor.

Ich las jedes Buch - je kleiner es gedruckt war, desto besser.

1990 verfilmt die neuseeländische Regisseurin Jane Campion die Autobiografie einer bedeutenden, nein - neben Katherine Mansfield - DER bedeutendsten neuseeländischen Autorin.

"Ein Engel an meiner Tafel" heißt der Film - so wie ein Teil der dreibändigen Autobiografie Janet Frames.

Tragische familiäre Schicksale

Geboren wird Janet Frame 1924 in Dunedin/Neuseeland, wo sie 2004 auch stirbt.

Sie ist das dritte von fünf Kindern eines Eisenbahnarbeiters. Es gibt nicht viel Geld in der Familie, die von tragischen Ereignissen heimgesucht wird. Nicht nur der Zwilling von Janet Frame stirbt; ihr Bruder leidet an einer schweren Epilepsie, zwei ihrer Schwestern ertrinken.

Leben im Schatten einer angeblichen Schizo­phre­nie

Ihr eigenes Leben steht im dem Schatten einer angeblich schweren Schizo­phre­nie, die man bei der 21-jährigen Studentin diagnostiziert und weswegen man sie in die Psychiatrie einliefert und jahrelang mit Elektroschocks behandelt. Am Ende wollen die Ärzte eine Lobotomie an ihr vornehmen - einen Eingriff, der damals bei schweren Fällen von Schizophrenie und Psychosen angewandt wurde. Es handelt sich dabei um eine Hirnoperation, in deren Folge die Phantasie zerstört, abstraktes Denken vernichtet wird, Gefühle abstumpfen und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum übrig bleibt.

Gerettet von der eigenen Literatur

Doch glücklicherweise hatte der Klinikdirektor gerade in der Zeitung gelesen, dass Janet Frames erster Erzählungenband ausgezeichnet worden war. Er erkannte in ihr die Künstlerin und wusste, dass von dieser nichts übrig bleiben würde nach einer derartigen Operation.

Er rettete sie. Die Literatur, ihre Literatur rettete sie.

Das Schreiben – so hat sie es in einem der raren Interviews, die es von ihr gibt, erzählt – lag in ihrer Familie:

"Ich stamme aus einer schreibenden Familie. Ich hatte in meiner Mutter ein Vorbild. Sie schrieb Gedichte und Geschichten. Sie verkaufte ihre Gedichte sogar während der Depression.

Und dann – als ich in der Grundschule war, war ich Schulbeste und bekam als Preis einen Bibliotheksausweis. Ich war nie vorher in der Bibliothek gewesen, aber nun konnte ich dorthin gehen. Und ich mochte die Bibliothek. Und ich las jedes Buch dort.

Die Bibliothek war eine viktorianische Gründung, es gab viele viktorianische Romane und Übersetzungen. Und ich las jedes Buch - und je kleiner es gedruckt war, desto besser."

Die wichtigste neuseeländische Autorin der Moderne

Von 1947 bis 1954 lebte Janet Frame in psychiatrischen Kliniken. Erst Jahre später versicherte ihr ein englischer Arzt, sie leide nicht an Schizophrenie, das sei eine klassische Fehldiagnose gewesen. Nach dem Leben in der Klinik brauchte Janet Frame eine Weile, bis sie sich traute, das zu sein, was sie immer sein wollte: Schriftstellerin.

In den sechziger und siebziger Jahren schreibt sie über ihre Erfahrungen in der Psychiatrie. Sie verteilt ihr Leben, die Schrecknisse ihrer Familie auf die Figuren ihrer Romane. Insgesamt veröffentlicht sie 12 Romane, fünf Erzählungsbände, Gedichte, Kinderbücher und ihre Autobiografie. Dieses dreiteilige Werk macht sie vor allem berühmt und zur wichtigsten neuseeländischen Autorin der Moderne.

Im Jahr vor ihrem Tod wurde Janet Frame als aussichtsreiche Kandidatin für den Literaturnobelpreis gehandelt. Auf die Frage, ob ihr eigentlich klar sei, dass sie eine wirklich bedeutende Autorin sei, antwortete sie einmal etwas unwirsch, das läge nun wirklich jenseits ihres Ermessens.

Manuela Reichart, rbbKultur