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Donald Runnicles, Dirigent | Ring-Tetralogie Deutsche Oper Berlin - "Ich dirigiere den Ring seit 30 Jahren und finde immer wieder neue Details in dieser unglaublichen Partitur"

Der "Ring des Nibelungen" startet mit dem Rheingold, gefolgt von der Walküre, dann Siegfried, schließlich kommt die Götterdämmerung. Pandemiebedingt hat die aktuelle Inszenierung an der Deutschen Oper in Berlin zunächst eine ganz andere Reihenfolge bekommen: Im September 2020 hatte die Walküre Premiere. Im Juni 2021 ging es mit dem Rheingold weiter, nun die Götterdämmerung und in zehn Tagen, am 12.11., ist die Premiere von Siegfried. Erst jetzt, in den beiden Zyklen im November, läuft der Ring der Reihe nach. Am Dirigentenpult bei diesem besonderen Ring steht Sir Donald Runnicles, Generalmusikdirektor der Deutschen Oper.

rbbKultur: Herr Runnicles, Wagners Ring sozusagen "durcheinandergerüttelt" – hat Sie das nicht verrückt gemacht?

Runnicles: Ja, schlicht und einfach. Aber nicht ganz so verrückt wie meinen Kollegen Stefan Herheim. Mit einem neuen Ring, mit einem neuen Ansatz, ist eine gewisse Sprache verbunden: durch das Bühnenbild, durch die Kostüme. Wenn man das nicht chronologisch macht, ist es für die Zuschauer:innen schwierig.

Jetzt hatten wir zum Beispiel die "Götterdämmerung", ohne dass man vorher "Siegfried" gesehen hat. Das ist sicherlich ein Nachteil - aber deshalb freuen uns sehr auf die chronologisch richtige Reihenfolge ab nächster Woche.

rbbKultur: Es handelt sich um eine neue Inszenierung. Aber die Musik ist nicht neu – oder ist sie es?

Runnicles: Jedes Mal, wenn ich die Musik angehe, denke ich: es ist doch irgendwie neu. Nichts geschieht alleine. Ich dirigiere den Ring seit 30 Jahren und entdecke immer wieder neue Sachen. Es ist so wie bei den Streichquartetten von Beethoven: Man findet immer wieder neue Details in dieser unglaublichen Partitur.

Zumal man sich auch als Mensch ändert. Vor 30 Jahren war ich anders als heute. So wie die Figuren, so wie ein Wotan im Ring. Im "Rheingold" ist er jung, frech und eingebildet. In "Siegfried" erlebt man ihn dann nicht ganz so. Ich will mich nicht vergleichen, aber ich bin inzwischen auch Vater von Kindern und hoffentlich ein Stück reifer. Und so geht man als Mensch dieses unglaubliche Werk neu an.

rbbKultur: Wie wirkt sich das dann aufs Dirigieren aus?

Runnicles: Sorry, das wurde schon zu oft benutzt – aber: less is more. Weniger ist mehr. Vor allem durch die Gestik und vor allem dadurch, dass ich das Orchester inzwischen sehr gut kenne und es mich gut kennt, kann ich auch mit kleineren oder weniger Gesten gut umgehen.

Was ich immer wieder neu lerne – und der gute Richard Wagner sagte das Gleiche: Seine Oper zu dirigieren, ist die Kunst des Übergangs. Bei den Übergängen dieses riesigen Werkes entdecke ich immer wieder etwas: Ach, so geht es leichter! Wenn ich mich gar nicht so einmische, es einfach spielen lasse. Und durch die Zusammenarbeit mit dem Haus, dem Chor, den Solist:innen, die ich gut kenne und vor allem mit dem Orchester ist die Beziehung reifer.

rbbKultur: Wir übertragen die Konzerte auf rbbKultur live ab dem 16. November. Wie schätzen Sie den Wert solcher Übertragungen?

Runnicles: Wir sind alle dankbar, dass der rbb dabei ist. Ein neuer Ring ist immer etwas Großes – erst recht, wenn der erste Zyklus stattfindet und wenn ein Publikum für alle vier Stücke Karten bestellt hat. Über eine Woche lang machen wir diese Reise zusammen. Dass der rbb dabei ist, ist ein aktuelles Dokument, das uns sehr wichtig ist und auch für alle, die zuhören, die nicht dabei sein können.

Und vor allem: es ist live – das haben wir alle durch die Pandemie vermisst. Wenn am Ende des ersten Aktes der "Walküre" nur Stille ist, fehlt da etwas. Da ist eine Energie, die ich als Dirigent in meinem Rücken spüre, wenn ein Publikum dabei ist – wir spüren sie alle. Diese Energie werden wir nächste Woche zusammen mit rbbKultur erleben und genießen.

rbbKultur: Hören Sie sich eigentlich auch alte Aufnahmen an?

Runnicles: Gerade im Auto habe ich eine Aufnahme von 1955 von Joseph Keilberth gehört - die, wie ich glaube - erste Aufnahme in Stereo, aufgenommen in Bayreuth.

Erstaunlich, wie es klingt – aber noch erstaunlicher ist, wie es gesungen und gespielt wird. Wahnsinnig freudig! Man denkt oft an ältere Generationen, zum Beispiel an einen Hans Knappertsbusch und dran, dass früher alles langsamer und breiter war. Von wegen! Der Keilberth in "Siegfried" – das ist so was von virtuos und spontan.

Ja, ich gehe oft an diese alten Aufnahmen. Men lernt nie aus.

rbbKultur: Nehmen Sie denn auch Einfluss auf die Besetzung?

Runnicles: Unser Operdirektor Christoph Seuferle und ich arbeiten sehr eng zusammen mit unserem Intendanten Dietmar Schwarz. Im Falle des Rings planen wir Jahre im Voraus. Mit der hoch geschätzten Sängerin Nina Stemme haben wir vor fünf, sechs Jahren gesprochen, damit sie jetzt hier singen kann.

Worauf wir besonders stolz sind: Einige der Ensemble-Mitglieder der Deutschen Oper Berlin – die buchstäblich fest an unser Haus gebunden sind, sind tolle junge Leute, die nicht nur ihre Debüts geben, sondern auch eine große Zukunft im Werk Richard Wagners haben werden. Derek Welton, der im "Rheingold" den Wotan singt, ist ein toller Nachwuchssänger, dem eine große Karriere bevorsteht, die hier beginnt.

rbbKultur: Wie ist Ihre Haltung zu Richard Wagner? In Deutschland ist es kaum möglich, über ihn zu sprechen, ohne auch ein politisches Gespräch zu führen.

Runnicles: Das hätte Richard Wagner sicherlich so gewollt. Er ist ein Kind von 1848. Er war in seiner Art nicht nur musikalisch, er war revolutionär. Er hätte es sicherlich sehr begrüßt - gerade in diesem mythischen Ring, dass man sich damit politisch auseinandersetzt.

Bayreuth war für Richard Wagner 1876 ein Versuch. Angeblich war er nicht so erfreut darüber, wie die erste Inszenierung geworden ist. Ich habe einige Jahre in Bayreuth sowohl assistiert als auch dirigiert – und was man dort am Haus lernt: es ist tatsächlich eine Art Werkstatt. Gerade den Ring kann man immer wieder erfinden - im Sinne von: in einem neuen Zeitgeist. Für eine neue Generation. Wir hoffen sehr, dass viele junge Menschen in den Vorstellungen an der Deutschen Oper sein werden und ihren ersten Ring erleben. Relevant ist, dass sie das, was sie sehen und hören, in Zusammenhang mit dem eigenen Leben bringen.

Ich glaube, Richard Wagner wäre unendlich froh, dass man immer noch in dieser Art an das Stück geht.

rbbKultur: Nun ist es aber so, dass die Nazis diese Musik in den 30er/40er-Jahren zur Manipulation von Massen als Argumentationshilfe ausgenutzt haben. Und Menschen, die heute in sogenannten völkischen Gemeinschaften zusammenfinden, nutzen diese Musik auch wieder in diesem Sinne aus. Was können Sie dem entgegensetzen?

Runnicles: Das, was vielleicht ein Stefan Herheim durch seine Regie, durch seine Vorstellung, durch das Optische, durch das Kostüm und durch die Personenregie macht, ist eine Antwort auf Ihre Frage.

Man darf nicht einfach vergessen, was die Nationalsozialisten aus Richard Wagners Musik gemacht haben. Ist er daran schuldig? Richard Wagner war ein sehr komplizierter Mensch, er hatte auch leidenschaftliche Gefühle – aber wenn seine Musik als Propaganda benutzt wird, ist daran nicht der Komponist schuld. Wie man so schön sagt: You have to see this from 38.000 feet – dann hat man ein besseres Gefühl für die Zusammenhänge.

Gerade in Deutschland ist es umso wichtiger und relevanter, dass man neu an den Ring geht. Ein neuer Ring ist immer wieder ein once upon a time, eine Art "Star Wars" in einer entfernten Galaxie - in diesem Fall auf der Bühne der Deutschen Oper Berlin. Man wird auch zu Beginn dieses neuen Rings in eine ganz neue Welt versetzt.

rbbKultur: Eine Frage, die mich immer beschäftigt: Was ist, wenn ich mich nur mit dem "Rheingold" beschäftige? Da ist die Voraussetzung, dass die Götter das Recht haben, über uns Menschen zu bestimmen. Wie stehen Sie dazu?

Runnicles: Das ist eine schwierige Frage. Das Allegorische ist im Ring vorhanden. Man muss nicht unbedingt an die Götter, an einen Wurm oder an die Nibelungen glauben. Der Mensch braucht Geschichten. Wir kennen das schon aus der Kindheit: Was man als Kind liest oder vorgelesen bekommt, ist oft nicht wahr. Aber man lernt durch diese Geschichten viel über sich, wie man zusammenhält, welche Rolle man in der Gesellschaft hat. Wir brauchen Geschichten, um uns zu verbessern und um die Welt besser zu verstehen. Die Götter im "Rheingold" sind letztendlich Symbole.

rbbKultur: Zum Schluss noch eine Frage, die nichts mit Richard Wagner und seiner Musik zu tun: Sie sind im vorigen Jahr von der britischen Königin zum Ritter geschlagen worden! Wie funktioniert das? Ist das wie im Märchen?

Runnicles: Ich muss Sie enttäuschen! Aufgrund der Pandemie bin ich noch nicht im Buckingham Palace gewesen. Ich bin zwar offiziell ein Sir und meine Frau ist eine Lady, aber ich freue mich, wenn das Schwert eines Tages im Buckingham Palace tatsächlich gehoben wird!

Das Gespräch führte Peter Claus, rbbKultur. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das Gespräch in voller Länge können Sie als Audio nachhören.