Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 48 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Kolumne | Marcel Proust - Die Gefangene (15 - 19)

Falls Sie mal ein paar Folgen unserer Lesung von Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" verpassen, kein Problem: Die Berliner Schriftstellerin Doris Anselm liest für Sie mit. Sie ist dabei ständig hin- und hergerissen zwischen "Lust und Frust mit Proust", so heißt ihre wöchentliche Kolumne. Aber nun hat Doris Anselm einen großen Entschluss gefasst.

Über meinem Schreibtisch hängt jetzt ein Spruchband. Da steht zwanzigmal drauf: "Ich soll mich nicht über Proust aufregen".

Ja, ich bin entschlossen, zumindest den Sexismus dieses Romans ab sofort anders zu lesen – oder zu überlesen. Unser Abschnitt der Woche gibt mir letzte glaubhafte Indizien dafür, dass Proust genau wusste und geradezu vorführte, wie ekelhaft und erbärmlich es zum Beispiel ist, wenn sein Erzähler sich ein Milchmädchen bestellt, als wär’s genauso ein Konsumartikel wie die Milch. Um wenig später die Keuschheit der eigenen Freundin durch Wegsperren zu sichern. Zitat:

"[…] immer war es die gleiche schlaffe, häuslich behagliche Ruhe, die ich […] verspürte, wenn ich sie […], eine Gefangene, mit der Selbstverständlichkeit einer Frau, die ganz mir gehörte, zu mir heimkommen und, von den Mauern geschützt, in unserem Hause verschwinden sah.“

Das ist doch derart auf die Zwölf, und sein "schlaffes" Behagen daran deutet so klar in Richtung Lächerlichkeit – ich seh’ hier viel Distanz zwischen Autor und Erzähler. Oder zwischen dem rückblickenden, klügeren Erzähler und dem jüngeren, das ist bei Proust ja alles etwas kompliziert.

Es gibt noch mehr Hinweise darauf, dass der Autor toxische Männlichkeit gerade nicht selbstverständlich fand, sondern äußerst absurd. Obwohl der Schmu vom Jagdinstinkt, den der Erzähler alle paar Seiten in anderen Worten wiederholt, echt Brainwash-Qualitäten hat, das geb’ ich zu. Aber in Wirklichkeit demontiert Proust genüsslich den Wahnsinn patriarchaler Liebeskonstruktion. Zum Beispiel auf der Heimfahrt, als der Typ und seine Freundin (die vielleicht eigentlich lesbisch ist, vielleicht auch nur "bi-curious", wie man heute sagen würde), als die beiden jedenfalls durchs Kutschenfenster ein paar hübsche Mädchen sehen. Zitat:

"Die Aufmerksamkeit […], die mir bei Albertine verbrecherisch erschienen wäre […], wendete ich selbst an alle Midinetten, ohne mich einen Augenblick deswegen für schuldig zu halten, während ich eine Schuld Albertines fast schon darin sah, dass sie mich durch ihre Gegenwart daran hinderte, anzuhalten und aus dem Wagen zu steigen.“

Jaja, Frauen domestizieren Männer, hat mal ein älterer Freund zu mir gesagt – aber im Gegensatz zu Proust hat er da dran geglaubt. "Midinetten" musste ich googeln. Das sind junge Arbeiterinnen, die sich in der Mittagspause (le midi!) draußen erholen.

Wieder was gelernt. Ist doch super! Da möchte ich glatt schließen mit dem Satz, den Albertine nach einem lustig-überlang gestalteten Erklär-Anfall des Erzählers an ihn richtet. Vielleicht mit ebensoviel Hintersinn wie ich jetzt hier an Marcel Proust: "Wenn ich jemals klug werde, so verdanke ich es nur Dir!“

Naja. Und vielleicht ein bisschen Wikipedia.

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