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Bild: dpa/Hans Ringhofer

Ein Kommentar von Barbara Behrendt - Das "Trauma Lockdown" hängt drohend über der Kultur

Der lange Lockdown für die Kultur steckt den Theatern, Konzerthäusern, den vielen freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern noch in den Knochen. Emsiges Schaffen hat aber in den letzten Monaten die Erinnerung des lähmenden Aus für die Kultur verdrängt. Jetzt aber hat das Land Berlin hat angesichts voller Krankenhäuser und hoher Ansteckungszahlen Verschärfungen in Aussicht gestellt, Bund und Länder hatten gestern ein Krisentreffen. Das "Trauma Lockdown" hängt also wieder drohend über der Kultur und ihren Machern.

Das vergangene Wochenende war vollgepackt mit Premieren: Tolstoi am Deutschen Theater, Uraufführungen am Berliner Ensemble und an der Schaubühne. Doch dann tröpfelten sie ein, die schlechten Nachrichten – und von drei Premieren konnte am Ende nur eine über die Bühne gehen. Die anderen mussten ausfallen – schuld waren positive Corona-Tests in den Produktionsteams.

Im Umland sieht es nicht anders aus: Ein kleiner Kulturveranstalter nach dem anderen sagt Konzerte, Gespräche, Auftritte ab – mal aus Vorsicht, mal wegen bereits nachgewiesener Infektionen.

Wie ein Damoklesschwert hängt die Pandemie über den Bühnen und niemand weiß, auf welche Vorstellung es herabsausen wird. Und daneben hängt das ebenso scharfe Damoklesschwert mit Namen: Lockdown. Aber: Würde es den Theatern jetzt nicht sogar mehr Planungssicherheit bieten, die Türen zu verschließen – für einige Wochen, bis mehr Menschen geboostert sind? Kann die Politik es verantworten, dass hier allabendlich mehrere hundert Zuschauer:innen dicht an dicht zusammensitzen?

Die Antwort: Sie kann. Noch zumindest. Denn im Unterschied zum vergangenen Winter, wo es verheerend gewesen wäre, die Theater weiterspielen zu lassen, sitzen heute im 2G-Publikum ausschließlich genesene und geimpfte Personen. Sie können erkranken – aber längst nicht so leicht und längst nicht so schwer. Die Belüftungssysteme sind überprüft, die Masken wieder verpflichtend, es wird weder gegessen noch getrunken noch gesprochen.

Das ist anders im Club, in der Bar, im Restaurant – und auch im Zug. Es wäre also unverhältnismäßig, jetzt ausgerechnet die gut kontrollierbaren Theater, Konzert- und Opernhäuser dichtzumachen.

Ganz anders liegt der Fall allerdings, sollte die Politik auf einen flächendeckenden Lockdown setzen, um schlicht ALLE Kontakte zu reduzieren – ob in der U-Bahn oder im Fitnessstudio. Zum Beispiel, weil die neue Omikron-Variante sich als besonders gefährlich erweist. Wenn alles geschlossen wird – dann bildet die Kultur selbstverständlich keine Ausnahme.

Und genau so selbstverständlich sollte sein, dass sie auch VOR einem Komplett-Lockdown keine Ausnahme bildet. Der deutsche Bühnenverein hört die Nachtigall allerdings schon trapsen und hat jetzt von der Politik ein deutliches Bekenntnis zur Kultur gefordert. Mit Sorge, heißt es in diesem Papier, sehe man, dass das neue Infektionsschutzgesetz den Ländern fast nur im Bereich der Kultur erweiterte Handlungsmöglichkeiten biete. Sollte es zu Schließungen kommen, dürfe es aber nicht noch einmal eine einseitige Benachteiligung der Kunst geben.

Das stimmt. Vor allem für die kleinen freien Häuser und ihre Soloselbständigen sind finanzielle Zusicherungen jetzt überlebenswichtig. Diese Zusicherungen braucht es übrigens auch für Veranstalter, die aus Vorsicht mal einen Termin platzen lassen oder die finden, 50 Prozent Auslastung sei momentan Oberkante – auch wenn sie hundert Prozent in den Saal quetschen könnten. Denen sollte man einen Umsichtsbonus zahlen, denn sie verhindern womöglich einen nächsten Lockdown.

Barbara Behrendt, rbbKultur