Der Tag; © rbbKultur
Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Marcel Proust | Kolumne - Kaninchenloch im Mauerstück

Unsere mitlesende Kolumnistin Doris Anselm ist schon beim ersten Kapitel dieser Woche in eine Art Feedback-Schleife geraten: Roman und Realität "verhaken" sich auf höchst komische Art. Außerdem geht’s um Erfolg und Sinnkrisen bei Künstlern. Heute: die Folgen 20 bis 24 aus "Die Gefangene“.

Guten Tag. Ich bin jetzt nach gefühlten vier Tagen aus dem Internet zurück. Zwar weiß ich nicht mehr, welcher Wochentag ist, stattdessen weiß ich aber jede Menge über ein kleines gelbes Mauerstück bei Proust. Und dieses Mauerstück ist der Wahnsinn. Doch von Anfang an: Im Roman stirbt gerade der Schriftsteller Bergotte, das große Idol des Erzählers. Bettlägerig (aber wenigstens berühmt) liest Bergotte in der Zeitung etwas über sein Lieblings-Gemälde, die "Ansicht von Delft" von Vermeer. Das Bild gibt’s wirklich, so viel wusste ich noch.

Der Zeitungs-Journalist im Roman schreibt nun etwas von einer kleinen gelben Mauerecke darauf, die quasi das Schönste der Welt sei. Große Irritation bei Bergotte: Obwohl er das Bild so gut kennt, kann er sich an die gelbe Ecke überhaupt nicht erinnern – und das lässt ihm keine Ruhe. Der große Autor schleppt sich ins Museum, obwohl er schon auf der Treppe einen Schwächeanfall erleidet.

Und dann – Zitat: "Endlich stand er vor dem Vermeer, den er strahlender in Erinnerung hatte […], auf dem er aber dank dem Artikel des Kritikers zum ersten Mal […] die kostbare Materie des ganz kleinen gelben Mauerstücks entdeckte. Das Schwindelgefühl nahm zu […]. So hätte ich schreiben sollen“, sagte er sich. 'Meine letzten Bücher sind zu trocken, ich hätte mehr Farbe daran wenden, meine Sprache in sich selbst so kostbar machen sollen, wie diese kleine gelbe Mauerecke es ist.' […] In einer himmlischen Waage sah er auf der einen Seite sein eigenes Leben, während die andere Schale die kleine so trefflich gemalte Mauerecke enthielt.“

Zitatende, Lebensende: Noch im Museum fällt der todtraurige Bergotte tot um. Schon das hat ja derart viel bitter-ironische Künstler-Sinnkrisen-Komik, dass es eigentlich reicht für einen guten Brainfuck. Aber ich wollte ja unbedingt mehr wissen! Wie sah nochmal dieses Gemälde aus? Online fand ich es – und suchte eine halbe Stunde lang vergeblich nach der kleinen Mauerecke. Kein Wunder, wie ich beim weitergoogeln lernte: Sie existiert nämlich gar nicht. Da sind sich Kunstfachleute einig. Marcel Proust hat sie dazuerfunden.

Wenn man das weiß, bekommt der Tod von Bergotte plötzlich noch mindestens drei weitere Ironie-Ebenen: Vollendet sich also ein Teil des Romans erst außerhalb des Romans? Oder gab es die Ecke für die Romanfigur Bergotte wirklich, weil es sie auf dem Bild im Roman eben gibt? Und damit nicht genug. Die "Ansicht von Delft" war außerdem Prousts eigenes Lieblingsbild, las ich. Auch den Schwächeanfall im Museum hatte er selbst – starb allerdings erst im Jahr danach. Hat er das geahnt und die Szene deshalb in den Roman eingefügt?

Hui, spätestens an dieser Stelle nahm auch mein eigenes Schwindelgefühl beängstigend zu. Es war der klassische Sturz durchs Kaninchenloch. Jetzt habe ich Proust-Google-Verbot für mindestens … eine Woche.