Thomas Schmidt-Ott © picture alliance/ Geisler-Fotopress/ Frederic Kern
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Neuer Managing Director beim DSO - "Was läuft gut, wo haben wir Standing Ovations? Das ist auch ein Kriterium, nach dem man Programme machen kann"

Der bisherige Programm-Direktor bei TUI Cruises geht neue Wege - der Kulturmanager und Cellist Thomas Schmidt-Ott hat nicht nur den Hamburger Kreuzfahrt-Anbieter verlassen, sondern auch die Branche. Seit Januar ist er Managing Director beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO). Peter Claus spricht mit ihm über die neue Herausforderung, sein "yellow Cello" und berufliche Pläne.

rbbKultur: Lieber Thomas, Du hast mich gleich vor dem Gespräch überrascht. Du sagtest: "Bitte nicht siezen, duzen!" - Wie kommt’s?

Schmidt-Ott: Ich komme aus einem deutsch-amerikanischen Betrieb. Er heißt zwar TUI Cruises, gehört aber zur Hälfte einer amerikanischen Cruise-Line, der Royal Caribbean. (…) In den amerikanischen Betrieben lässt sich aufgrund des englischen "you" nicht differenzieren zwischen "Du" und "Sie". Wir haben dann entschieden, dass wir uns alle duzen – vom Pförtner bis zum Vorstandssprecher.

Ich bin das so sehr gewöhnt gewesen, dass ich beim Deutschen Symphonie-Orchester auch sofort gesagt habe: Lassen wir das "Sie", sagen wir "Du" zueinander.

rbbKultur: Warum bist Du eigentlich weggegangen von TUI Cruises?

Schmidt-Ott: Das ist eine längere Geschichte. Ich war Ende der 90er-/Anfang der 2000er-Jahre schon einmal beim DSO an der Seite Kent Naganos. (…) Ich habe dann das Start-up TUI Cruises mit begleitet und es 14 Jahre lang gefahren. Dann kam im Sommer 2020, als die Corona-Krise mit der zweiten Welle wieder Fahrt aufnahm, das DSO auf mich zu. Sie sagten, sie fänden keinen Nachfolger für Alexander Steinbeis – ob ich nicht bereit wäre, als strategischer Berater zumindest halbwöchig, 20 Stunden die Woche, zur Verfügung zu stehen. Und das tat ich die letzten anderthalb Jahre gerne. Plötzlich wurden aus den 20 Stunden 40 Stunden. Dann kamen das Orchester und auch Robin Ticciati erneut und fragten mich, ob ich nicht ganz die Seiten wechseln und zu ihnen zurückkommen möchte.

Das war ein so nettes und fröhliches Angebot - das nahm ich gerne an.

rbbKultur: Die Kreuzfahrtbranche ist ziemlich gebeutelt derzeit. Wie gebeutelt ist denn das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin?

Schmidt-Ott: Das waren fast parallele Welten. Das eine war der kommerzielle Tourismus-Konzert, das andere war der kulturelle Dampfer. Was besonders schwierig war: Als ich im Sommer 2020 einstieg, wurde ein Konzert nach dem anderen abgesagt – fast genau wie vorher bei TUI Cruises, als eine Kreuzfahrt nach der anderen abgesagt wurde.

Wir konzentrierten uns dann wieder auf unsere Wurzeln und wir wussten: ein Orchester wie das DSO ist ein Rundfunk-, ist ein Radio-Symphonie-Orchester – und wir belebten die Idee des Radiokonzertes neu. Das heißt, wir kehrten in den Großen Sendesaal des rbb zurück, den wir schon lange nicht mehr bespielt hatten. Und wir machten auch filmische Konzerte. Wir gingen mit dem Orchester ins Tempodrom und filmten dort die "Alpensinfonie" von Richard Strauss - sozusagen aus dem Inneren des Berges.

rbbKultur: Ist es vor allem die inhaltliche Gestaltung – oder welche Aufgaben verbergen sich hinter dem Begriff eines "Managing Directors"?

Schmidt-Ott: Da ist beides dabei. Da ist auf der einen Seite das strategische und auf der anderen Seite das operative Geschäft. Das strategische Geschäft verantwortet natürlich in erster Linie der Künstlerische Leiter und Chefdirigent, das ist Robin Ticciati. Dann haben wir eine wunderbare Mitarbeiterin im Bereich Künstlerische Planung, Marlene Brüggen. Wir drei überlegen, was man machen kann, in welche Richtung wir gehen und wie wir das DSO in Zukunft positionieren wollen. Und da gehören dann in der Weitung auch der Orchestervorstand und der Betriebsrat dazu – eigentlich der ganze Betrieb. Ein Orchester ist ein Mikrokosmos aus vielen künstlerischen Ideen, Idealen und Vorstellungen – und diese unter einen Hut zu bringen, das ist dann wahrscheinlich die Aufgabe des Managing Directors.

rbbKultur: Wahrscheinlich? Hast Du keine Ahnung, was auf Dich zukommt?

Schmidt-Ott: Das "wahrscheinlich" war eher rhetorisch gesagt. (lacht)

Ich weiß relativ gut, was auf mich zukommt. In erster Linie ist es jetzt erstmal das weitere Bestehen der Krise. Wir stehen kurz vor einer Tournee, die uns ab übernächsten Sonntag quer durch Europa führen wird. Das wird schon ein schwieriges Spiel werden, weil uns täglich neue Hiobsbotschaften von positiven Testungen erreichen. Es wird schwer sein, das Orchester in einer Mahler-Erste-Symphonie-Stärke von Budapest über Köln nach Paris zu führen.

Auf der anderen Seite steht uns ein Umzug aus den heiligen Hallen des rbb bevor: Wir ziehen aus dem Ferenc-Fricsay-Saal, den wir trotz all seiner Schwächen in den letzten 20 Jahren als Probestätte liebgewonnen haben, aus und gehen in das ICC.

rbbKultur: Warum zieht ihr um?

Schmitt-Ott: Weil der rbb sein architektonisches Konzept ändert. Es entsteht ein neues Medienhaus, das Mitte der 2020er-Jahre präsentiert werden wird. Und dann werden wir dort auch wieder eine Heimspielstätte beziehungsweise eine Heimprobestätte haben. Aber bis es so weit ist, wird so viel Umbau passieren, dass da nicht mehr an Proben zu denken ist.

rbbKultur: In einem anderen Zusammenhang hast Du vorhin den Begriff Richtungswechsel benutzt. Ich möchte ihn im Zusammenhang mit dem DSO benutzen. Braucht denn das DSO einen Richtungswechsel?

Schmitt-Ott: Die Zeiten verlangen, dass wir uns immer wieder hinterfragen, nachdenken und Richtungen justieren. Mit mir als Managing Director kommt natürlich jemand zum DSO (zurück), der in den letzten Jahren sehr stark publikumsorientiert gearbeitet hat. Ich will sagen, ein Kreuzfahrtschiff bzw. eine ganze Flotte von Schiffen programmatisch zu verantworten, heißt natürlich auch, dem Besucher, dem Touristen ins Gesicht zu schauen und seine Präferenzen zu erfragen, zu lernen und dann das Produkt entsprechend zu gestalten. Und dieses würde ich auch im Kontext DSO an der einen oder anderen Stelle für ganz sinnvoll erachten: Zu gucken, wenn wir etwas ins Programm heben, wenn wir etwas in die Saison bringen - sind wir dann eigentlich nah an unseren Abonnenten, an unserem Publikum - oder programmieren wir allein aus der Idee und dem Ideal von Künstlern, die bei uns gastieren oder möglicherweise auch als Chefdirigent unterwegs sind?

rbbKultur: Aber woher wisst ihr, dass ihr nah am Publikum seid? Wollt ihr dann jede und jeden im Zuschauerraum befragen?

Schmidt-Ott: Eine vernünftige Marktforschung ist auch im Kulturbetrieb eine sehr sinnvolle und strategisch wichtige Frage, finde ich. Das heißt nicht, dass wir dahin kommen, dass in Zukunft alle nur noch "Eine Kleine Nachtmusik" und Vivaldis "Vier Jahreszeiten" spielen, aber letztlich Präferenzen zu erkennen - was läuft gut, was verkauft sich nicht so gut, wo haben wir einen vollen Saal, wo haben wir Standing Ovations? - das ist durchaus auch ein Kriterium, nachdem man Programme machen kann und soll.

rbbKultur: Du selbst bist auch Musiker – nämlich Cellist. Das Cello, das ist Dein bester Freund?

Schmidt-Ott: Das Cello begleitet mich tagtäglich. Ich habe heute Morgen auch wieder geübt, ich übe eigentlich jeden Tag. (…) Ich spiele viel und regelmäßig und gerne im orchestralen Zusammenhang, aber auch sehr viel Kammermusik und in einer Jazz-Band. Hier und da habe ich nochmal Cello-Unterricht. Das hat mich mein Leben lang begleitet.

rbbKultur: Ein "Yellow Cello" – ein gelbes Cello. Auffallen um jeden Preis?

Schmidt-Ott: Nein, das ist ein Marketing-Gag. Ich spiele so Cello, dass man mich nicht unbedingt in Erinnerung behält, wenn man mein Spiel gehört hat. (lacht)

Aber Tatsache ist, dass ich damals, als wir die Band gegründet haben, zusammen mit meinem damals vierjährigen Sohn ein billiges "Made in China"-Sperrholz-Cello gelb angemalt habe und in sein Kinderzimmer stellte. Und aus diesem gelb angemalten Cello wurde das "Yellow Cello". Das wurde dann zum Signal unserer Band und wir haben die Band "Yellow Cello" genannt.

Aber das ist eigentlich Etikettenschwindel, weil sie keineswegs vom Cello dominiert wird. Es gibt einen großartigen Sänger, Daniel Mattar, der an der Musikhochschule in Dresden unterrichtet, einen großartigen Geiger, Wolfgang Mertes, der Konzertmeister des Staatstheaters Saarbrücken ist, und einen tollen Jazz-Pianisten aus Berlin, Tim Sund. Ganz großartige Musiker – und das "Yellow Cello" ist nur ein Wiedererkennungsmerkmal und Tatsache ist: Durch diesen optischen Gag sind wir doch zu sehr schönen Gelegenheiten gekommen und haben tolle Konzerte gegeben.

rbbKultur: Ich kenne einige Cellistinnen und Cellisten – und so manche/r sagte, dass dieses Instrument süchtig mache, dass es auch gefährlich sei und dass es gelegentlich auch die Persönlichkeit beherrscht ... Kannst Du sagen, dass Du eine solche Erfahrung auch gemacht hast?

Schmidt-Ott: Das kann ich umstandslos unterschreiben. Das Cello ist das Leitmotiv in meinem beruflichen Leben, was zwischen Banklehre, Kreuzfahrtkonzern und Kulturorchester doch durchaus einige Sprünge macht. Aber das Cello war immer intensiv dabei. Ich habe in der Deutschen Bank für die Deutsche Bank gespielt, ich habe auf den Schiffen "Klanghäuser" gebaut – also kleine Philharmonien, mit denen ich mit 12 Cellisten aus Berlin unterwegs war. Ich habe einmal die Ehre gehabt, im DSO mitspielen zu dürfen. Das Cello ist immer dabei. Wenn ich mal drei Tage nicht spiele, dann krieg' ich schlechte Laune.

rbbKultur: Das heißt, Du wirst auch mal für das Orchester Cello spielen?

Schmidt-Ott: Nein, das würde ich nicht wagen. Ich habe die Ehre, als Manager möglicherweise in der kommenden Saison mit drei weiteren Cellisten ein Cello-Quartett formieren zu dürfen – und wir nennen uns "Four Cellos".

Das Gespräch führte Peter Claus, rbbKultur. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das Gespräch in voller Länge können Sie als Audio nachhören.