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Historiker Andrii Portnov im Gespräch - Welche Bedeutung hat Putins Rede?

"Die Vergangenheit ändert sich ständig", lautet ein sowjetisches Sprichwort. Vielleicht hat sich das auch der russische Präsident gedacht. Gestern Abend hat er die Separatistengebiete in der Ostukraine anerkannt und eine Rede gehalten, in der er diesen Schritt vor allem historisch begründet. Manche sagen schon jetzt, diese Rede werde die Historiker noch beschäftigen. Wir sprechen auf rbbKultur mit Andrii Portnov, Professor für ukrainische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

rbbKultur: Herr Portnov, Wladimir Putin hat sich in seiner gestrigen Rede immer wieder auf die Geschichte und aus seiner Sicht historische Fakten berufen. Er sagt, die Ukraine sei ein untrennbarer Teil der russischen Geschichte. Was sagen Sie dazu?

Andrii Portnov: Meiner Meinung nach geht es nicht um die historische Angemessenheit von Putins Erzählung, sondern darum, dass es sich um ein Gesamtbild, ein Glaubenskonstrukt handelt, das die Grenzen in Europa und das Völkerrecht in Frage stellt. Putin versucht, wenn Sie es so wollen, das Völkerrecht und die Menschenrechte durch Spekulationen über sogenannte historische Rechte zu ersetzen. Und das ist sehr, sehr gefährlich.

Meiner Meinung nach ist es Putins Ziel, das Problem des öffentlichen Drucks – des Völker- und des Menschenrechts – so weit wie möglich durch die Rede über historische Rechte zu ersetzen. Und das sollten wir möglichst vermeiden.

rbbKultur: Er benutzt immer wieder den Begriff der Dekommunisierung. Was genau meint Wladimir Putin damit?

Portnov: Er meint die Politik in der Ukraine seit der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass, das heißt seit Winter/Frühling 2014. Dass in der Ukraine keine Denkmäler für Lenin mehr stehen, ist für ihn ein Zeichen, dass man die gesamte Geschichte aufrollen muss bzw. nicht mehr braucht. Das ist alles sehr politisiert und sehr einseitig.

rbbKultur: Was haben Sie dem entgegenzusetzen?

Portnov: Ich würde sagen, die ukrainische Geschichte – und auch die russische – ist viel, viel komplexer, differenzierter und vielfältiger. Was für uns in Deutschland meiner Meinung nach sehr wichtig ist: Die Sowjetunion war nicht nur Russland. Die Sowjetunion war auch die Ukraine, Kasachstan, Belarus, Estland und so weiter. Die Ukraine als kulturelles Subjekt ist älter als die Sowjetunion. Und alle diese Fragen sollten wir als Wissenschaftler, Politiker und Journalisten viel tiefer und viel komplexer sehen, als uns das in Putins Rede vorgestellt wurde.

rbbKultur: Bundeskanzler Olaf Scholz hat heute als Reaktion den Stopp der Pipeline Nord Stream 2 angekündigt. Finden Sie, das ist ein richtiger Schritt?

Portnov: Das ist schwer für mich zu sagen. Was ich aber unbedingt sagen will: Bis heute ist die Lage meistens so, dass die westliche Politik, auch Deutschland, auf Putins Schritte reagiert. Ich würde mich freuen, wenn Deutschland und die anderen Länder proaktiv wären, dass sie Putin überraschen, wenn Sie so wollen. Diese Pipeline-Sache ist nur ein Teil dieser strategischen Entscheidung, was mit Europa morgen und übermorgen passiert.

rbbKultur: Die Tageszeitung "Tagesspiegel" in Berlin hat heute geschrieben, dass sich mit der Rede Putins gestern sicherlich noch Historiker befassen werden. Ist diese Rede Ihrer Meinung nach als historische Rede einzuordnen?

Portnov: Nein, absolut nicht. Noch mal: Ich glaube, Putin versucht historische Argumente als Instrument für seine Politik zu benutzen. Das ist sehr, sehr gefährlich. Das kann leider sehr viel physische Gewalt bringen.

Ich kann auch eine wichtige rhetorische Frage stellen: Können diese außenpolitisch theoretischen Erfolge Putins die tiefen inneren Probleme Russlands lösen? Und ich würde auch sehr gerne darüber sprechen, dass Putins Politik nicht nur eine große Gefahr für die Ukraine oder Europa ist, sondern auch für Russland als Teil Europas und für die russische Gesellschaft. Das ist sehr, sehr wichtig.

rbbKultur: Sie selbst haben Familie in der Ukraine. Ihre Eltern leben dort. Hat sich seit dieser Rede gestern Abend etwas an ihrer Lebenssituation verändert?

Portnov: Richtig, unser Sohn lebt in Kiew, meine Eltern in Dnipro. Ich kann nur sagen, dass meine Familie und auch unsere Freunde und Bekannten zu Hause bleiben. Sie haben natürlich Angst – wie wir alle, das ist verständlich. Aber die Politik der Angst ist auch ein Handlungsinstrument Putins heutzutage. Man muss das möglichst rational sehen.

Das Gespräch führte Peter Claus, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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