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Premiere an der Staatsoper - Philipp Stölzl über aberwitzige Musik und seine Inszenierung von "Turandot"

Was haben Westernhagen, Pavarotti, Madonna und Mick Jagger gemeinsam? Für alle hat Philipp Stölzl schon mal gearbeitet. Der Berliner ist ein Allrounder: Bühnenbildner, Drehbuchautor, Regisseur für Oper, Theater, Film, auch erfolgreiche Musikvideos hat er gedreht. Nun inszeniert er an der Berliner Staatsoper Puccinis "Turandot". Vor der Premiere sprachen wir mit Philipp Stölzl auf rbbKultur.

rbbKultur: Herr Stölzl, morgen feiert "Turandot" Premiere an der Berliner Staatsoper. Was ist diese Oper für Sie? Was ist das Wichtige an "Turandot", die Essenz?

Philipp Stölzl: Für mich ist es absolut die Musik. Es ist ja Puccinis letztes Werk - ein unvollendetes Werk. Die letzten paar Szenen sind gar nicht von ihm, sondern wurden von Alfano nachkomponiert. Was man dazu wissen muss, ist, dass wir hier schon mitten in den 20er Jahren sind. Man kennt die ganzen klassischen Puccinis - "La Bohème", "Tosca", "Madama Butterfly" – die haben so einen bestimmten epischen Puccini-kinoartigen Sound.

Als letztes Werk hat er eben dieses so ein bisschen sperrige Ding geschrieben: "Turandot" basiert auf einem Märchen aus "Tausendundeine Nacht" – ein ziemlich grausiges Märchen. Es handelt von dieser Prinzessin, die nicht geheiratet werden möchte. Es kommen immer neue Prinzen an und müssen Rätsel lösen, um sie zur Frau zu bekommen, lösen diese Rätsel aber immer nicht und werden dann hingerichtet zum allgemeinen Vergnügen. Es ist also ein relativ düsterer Teil, den sich Puccini da als Libretto-Vorlage ausgesucht hat - und es ist ehrlich gesagt auch eine sehr kurze, ziemlich einfache und ein bisschen merkwürdige Story.

Ich sage mal blöd: Wegen der Geschichte muss man "Turandot" nicht inszenieren. Man muss es inszenieren, weil es eine unglaubliche Partitur ist. Es ist sehr, sehr viel Chor drin, ganz tolle Chor-Tonalitäten, viele Chor-Experimente. Es gibt einen Kinderchor, der nur von außen kommt, von fern. Teilweise werden gar keine Worte gesungen, sondern es wird nur gesummt. Es hat eine unglaubliche Vielfalt und eine Modernität. Und dazu gibt es eben auch ganze Passagen, die so eindeutig nach 20er Jahren klingen: da hört man so ein bisschen schon Kurt Weill oder Prokofieff, wenn man will. Es ist ein Werk, das wirklich an der Schwelle zur Moderne steht. Dazu gibt es diese ganzen chinesischen Zitate – es ist ein bisschen wie eine Collage.

rbbKultur: Sie sagen, es kommt vor allem auf die Musik an bei "Turandot". Eine Inszenierung braucht es gar nicht. Sie machen es aber trotzdem. Wie inszenieren Sie die Oper?

Stölzl: Naja, so habe ich es nicht gemeint. Ich habe "Turandot" schon ein paar Mal gesehen und ich hatte immer das Gefühl, dass es eine statische Angelegenheit ist. Man kennt ja diese Fotos von früher, wo dann vor dem Kaiserpalast in Peking unglaubliche Massen in traditionellen Kleidern stehen. Es ist immer ein bisschen eine Art "Rumstehding", wenn man es sich angeguckt hat - mit toller Musik. Ich hatte das Gefühl, es ist wirklich mal Zeit, dass man die narrativen Zwänge hinter sich lässt und guckt, was die Musik einem eigentlich erzählt.

Ich finde sowieso, die Musik in der Oper ist immer die Kraft, die führt, sie ist immer die stärkste Kraft. Was auch immer man erzählt oder an Bildern macht - es muss etwas sein, was mit der Musik reagiert. Das Amalgam von der emotionalen und sinnlichen Kraft in der Oper ist immer das Zusammentreffen von Szene und Musik - eigentlich fast nie das Zusammentreffen von Szene und Story.

Oper ist sowieso ein sehr abstraktes Medium, wo die Verabredung ist, dass Leute stundenlang singen, um ihre Gefühle zu äußern. Anders als vielleicht bei einer Da Ponte- oder Mozart-Oper, wo Du sagst: tolle Figuren, alles perfekt und mit einer moderne Psychologie - gibt es eben auch viele Opern - so auch "Turandot" – wo ich das Gefühl habe, dass die Dramaturgie und die Psychologie eher ein bisschen dünn und behauptet ist – aber die Musik ist eben aberwitzig.

Das ist bei dieser Arbeit mein Ziel gewesen: Dass man sich so ganz nah an die Musik heranwagt und das Narrative hinter sich lässt.

rbbKultur: "Schwarze Romantik", das habe ich jetzt gelesen. Sie hätten in "schwarzer Romantik" inszeniert …

Stölzl: Das habe ich schon öfter gehört, es steht irgendwo in einer Ankündigung. Ich weiß gar nicht, wie sich das eingeschlichen hat ... Ich habe eher das Gefühl, es wurde einfach mit den Augen der 20er Jahre draufgeguckt. Es ist eigentlich eher ein Expressionismus. Man hat diese Musik, die unheimlich viele Farbklänge hat, auch sehr grelle Farben, unheimlich viele schiefe Bruchlinien. Da habe ich das Gefühl, da kommt die ganze Zerbrochenheit der Moderne auf die Bühne. Und es macht total Spaß, dass man diese Oberfläche des Märchens so ein bisschen durchdringt und guckt, was da eigentlich an Toxischem, Verrücktem, Obsessivem zu finden ist - in der Musik und auch in den Figuren.

Das Gespräch führte Carolin Pirich, rbbKultur. Es handelt sich um einen Auszug. Das Gespräch in voller Länge können Sie als Audio nachhören.