Schultüten für bedürftige Schulkinder liegen im Berliner Großmarkt auf einem Haufen, 2020; © dpa/Fabian Sommer
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Zum Ende der Sommerferien in Berlin und Brandenburg - Alle Jahre wieder: Schulstart ins Chaos

Die Sommerferien sind vorbei, der Schulstart ist begleitet von den üblichen Katastrophenmeldungen: so viele Erstklässler wie schon lange nicht an Berlins Schulen, gleichzeitig fehlen fast 900 Lehrkräfte. Der Pool an Personen, die für einen Quereinstieg in den Job qualifiziert sind, trocknet auch zügig aus. Ganz zu schweigen davon, ob überhaupt irgendjemand weiterhin die Corona-Pandemie im Blick hat. Schulstart ins notdürftig strukturierte Chaos – ein Kommentar von Kirsten Dietrich.

Eigentlich müsste dieser erste Schultag nicht im jeweiligen Schulgebäude anfangen, mit neuen Stundenplänen, neuen und alten Lehrkräften und den Gesprächen darüber, was denn so über den Sommer los war. Eigentlich müssten alle, Schülerinnen, Schüler, Lehrkräfte und auch Eltern vorm Roten Rathaus oder an anderen geeigneten Orten stehen und ihre Meinung sagen: Dass es so nämlich nicht weitergehen kann. Dass so ganze gesellschaftliche Schichten von Lernen und Teilhabe abgehängt sind und dass Bildung so letztlich entwertet wird.

Aber das passiert nicht – und es wird auch nicht nach den ersten Wochen passieren, wenn klar wird, wie voll die Klassen wirklich sind, wie lang die Schulwege mancher Kinder, wie wenige AGs tatsächlich stattfinden – vielleicht gar nie.

Warum das so sein könnte – dazu möchte ich Ihnen jetzt meine Schulgeschichte erzählen – also, meine Schulgeschichte als Mutter zweier Söhne. Die haben keine Behinderung und kommen aus einer Familie ohne Einwanderungsgeschichte, ohne wirtschaftliche Not und mit viel zu vielen Büchern – es war also klar, dass sie es in der Schule einigermaßen leicht haben würden, denn das deutsche Bildungssystem ist auf Schüler wie meine Kinder ausgelegt.

Voneinander lernen
Weil wir uns nicht nur als Kernfamilie, sondern als Teil der Gesellschaft verstehen und das möglichst verantwortungsvoll leben wollen, waren wir froh, dass es ums Eck eine Gemeinschaftsschule gab. Das Versprechen: Alle Kinder lernen voneinander, jedes Kind hat etwas beizutragen, der Blick ist nicht nur auf Noten gerichtet.

Aber auch eine noch so gemeinschaftliche Schule muss dann eben doch nicht nur soziales Miteinander vermitteln, sondern auch Inhalte. Das Feld in der Klasse zog sich auseinander. Die Lehrkräfte waren großartig, es gab die dringend notwendigen Sozialarbeiter*innen – aber es gab zu wenige von ihnen. Sie mussten sich auf die konzentrieren, die ihre Unterstützung am nötigsten brauchten – was sicher der richtige Schwerpunkt war, weil hier eben Mangel verwaltet werden musste. Nur hieß das für meine Söhne: anstrengen mussten sie sich nicht mehr, fordern war nicht, stattdessen wurden sie mehr und mehr als stabilisierende Faktoren in ihren Klassen eingesetzt.

Protest fällt aus
Als es in die 7. Klasse ging, bat mein Ältester darum, aufs Gymnasium gehen zu dürfen. Ich habe es erlaubt, mit schwerem Herzen. Denn ich finde gemeinschaftliches Lernen großartig und wichtig und den richtigen Weg. Aber bildungspolitische Konzepte sind das eine – ausleben müssen sie eben die einzelnen Kinder. Meine Kinder. Die keine Zeit haben, noch mal zehn Jahre oder so zu warten, bis endlich auch in der Politik der notwendige Fokus auf Bildung gelegt und entsprechend finanziert wird.

Und deswegen, glaube ich, fällt auch der Protest aus: Weil Eltern nicht nur fürs große Ganze verantwortlich sind, sondern eben auch für ihre Kinder, deren Leben sich genau jetzt gestaltet und für die jetzt eine passende Lösung gefunden werden muss. Das fördert einen engen Blick und die Suche nach privaten Lösungen.

Und wenn ich jetzt ganz pessimistisch werden wollte: Vielleicht wird genau das von denen einkalkuliert, die gar nicht wollen, dass sich etwas verändert, in Politik und Behörden zum Beispiel.

Kirsten Dietrich, rbbKultur

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