Die Hände einer Schauspielerin sind während der Fotoprobe für ein Ballettstück auf dem roten Vorhang zu sehen. © dpa/Sebastian Kahnert
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Wie Theater mit steigenden Kosten umgehen - Theater in der Energiekrise

Seit letzter Woche ist klar: Wenn es bei der Gasversorgung im Herbst zu einer Notlage kommt, dann kann der Theaterbetrieb eingestellt werden. In einem entsprechenden Papier hat Claudia Roth, die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, festgelegt, dass zunächst einmal Einrichtungen Vorrang haben, deren Kunst- und Kulturschätze Schaden nehmen könnten, wenn sie nicht bei entsprechender Wärme gelagert werden. Die Theater gehören nicht dazu. Doch selbst, wenn es nicht zu einer solchen Notlage kommt, haben die Theater natürlich auch mit den explodierenden Energiepreisen zu kämpfen. Wie gehen sie damit um? Barbara Behrendt hat bei Theatern in Berlin und Brandenburg nachgefragt.

Die Geschäftsführer der Theater sind längst am Überschlagen, Berechnen, Neukalkulieren, welche Mehrkosten über den Winter auf sie zukommen könnten. Das Problem: Preisexplosion und Gasengpass sind bislang noch eine Drohkulisse. Keiner weiß konkret, was in den nächsten Monaten passieren wird. Das Deutsche Theater hat für Energiekosten 20 Prozent mehr Geld im Haushalt eingeplant. Das kleine freie Theater Ballhaus Ost im Prenzlauer Berg geht von einer Verdopplung der Heizkosten aus, die durch Rücklagen gestemmt werden soll.

Die Schaubühne Berlin im Herbst 2020 © Fabian Sommer/dpa
Die Schaubühne Berlin im Herbst 2020 | Bild: Fabian Sommer/dpa

Im Vorteil ist, wer sich in den vergangenen Jahren schon um Klimaeffizienz und Nachhaltigkeit gekümmert hat

Tobias Veit, der Direktor der Schaubühne, kalkuliert immer wieder neu: "Vor drei Monaten haben wir gedacht, dass wir mit 100 Prozent Mehrkosten rechnen müssen. Das ist, glaube ich, überholt. Das wird mehr."

Staatliche Hilfen sind nicht vorgesehen. Und so tun die Theater das, was wir alle momentan versuchen: den Stromverbrauch so gering wie möglich halten. Dabei gilt: Wer sich in den vergangenen Jahren schon um Klimaeffizienz und Nachhaltigkeit gekümmert hat, ist jetzt im Vorteil.

Tobias Veit: "Der hydraulische Abgleich der Heizungsanlage führt zur Einsparung von zehn Prozent im Haus und die ist abgeschlossen."

Das Deutsche Theater ist seit einiger Zeit dabei, 400 Fenster auszutauschen und damit 15 bis 20 Prozent Energie zu sparen. Auch die Lichter in vielen Häusern - sowohl in den Büros als auch im Bühnenbereich - werden durch LED-Lampen ausgetauscht. Damit sollen bis zu 75 Prozent Beleuchtungsstrom gespart werden. Wegen ihrer umsichtigen Planung fühlen sich die Theater, was die Gasversorgung angeht, halbwegs gut vorbereitet.

Mit Blick auf die getroffene Vorsorge sagt Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters: "Dann ist es auf jeden Fall nicht leichtsinnig. Mit dem, worauf man sich so ungefähr einrichten konnte, haben wir uns einfach gut fit gemacht."

Vorreiter an Nachhaltigkeit: die Andere Weltbühne in Strausberg

Am allerwenigsten Sorgen um Kälte und einen Gas-Blackout muss sich das Strausberger Theater die Andere Weltbühne machen. Es läuft seit einem Jahr komplett unabhängig von Gas und Öl - mithilfe einer klimafreundlichen Erdwärmepumpe. Auch hier zahlt sich aus, dass das Kulturquartier in Strausberg zu dem das Theater gehört, in seinen Anfängen vor fünf Jahren auf Nachhaltigkeit statt auf Schnelligkeit gesetzt hat. Für die Andere Weltbühne hieß das, die ersten Winter geschlossen zu bleiben - die Anschaffung der Wärmepumpe dauerte.

Melanie Seeland, Teil des dreiköpfigen Leitungsteams in Strausberg: "Wir hätten natürlich viel früher eine Heizung haben können, wenn wir uns eine Gasheizung angeschafft hätten."

Sie ist froh, die teure Wärmepumpe eingebaut zu haben, die sich inzwischen längst rechnet. Im nächsten Jahr will das Theater komplett auf Photovoltaik umstellen, so dass auch der Strom im eigenen Haus produziert wird. Und selbst die Drehbühne ist sozusagen selbst gemacht, entstanden aus dem alten Holz des Waldes, das zum Kulturquartier gehört.

Die Stühle im Zuschauerraum sind übrigens die in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin ausrangierten. Das Haus ist ein Vorreiter an Nachhaltigkeit.

Deutsches Theater Berlin © Paul Zinken/dpa
Deutsches Theater Berlin, Winter 2017 | Bild: Paul Zinken/dpa

Mit Jacken, Decken (und Glühwein) ins Theater

Wovon sich allerdings auch das Strausberger Theater nicht unabhängig machen kann, ist das Publikum. Wie sich neue Corona-Wellen und hohe Lebenshaltungskosten auf das Verhalten der Zuschauer:innen auswirken, das weiß keiner.

Ulrich Khoun: "Das Thema Geldsparen. Weil natürlich jeder und jede einzelne diese Heizungsdramatik auch zu Hause hat. Viele denken dann: Was könnte ich denn am ehesten weglassen? Und natürlich ist es leichter, auf Genüsse wie einen Restaurant- oder Theaterbesuch zu verzichten, als zu sagen: Ich kaufe jetzt weniger ein. Das spüren wir allerdings noch nicht. Aber das ist schon eine echte Sorge.“

Tobias Veit denkt derweil darüber nach, wie man den Theaterbesuch gemütlicher gestalten könnte: "Ich glaube, dass uns das Thema Kälte sehr beschäftigen wird - und zwar einerseits bei den Beschäftigten selber. Und ich kann mir schon vorstellen, dass das für die Zuschauerinnen und Zuschauer auch ein Thema wird. Ich glaube, dass man die Jacke mit ins Theater nehmen kann. Das ist kein Problem. Wir können auch Decken ausgeben - aber die Schwelle wird schon auch höher werden, dass die Leute sagen: Ich gehe da rein."

Vielleicht - das könnte doch ein Anreiz sein - gibt es dann ja auch Glühwein.

Barbara Behrendt, rbbKultur