Sibylla Schwarz, Dichterin © zoonar.com / imago-images.de
rbbKultur
Bild: zoonar.com / imago-images.de Download (mp3, 6 MB)

Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Sibylla Schwarz

Die Herbstsaison ist eröffnet: Neue Bücher liegen in den Buchhandlungen, die Verlage preisen wortgewaltig und mit vielen Superlativen Autorinnen und Autoren an, warten auf Besprechungen, hoffen auf gute Umsätze. In unserer Reihe "Die Überlesenen" empfiehlt Manuela Reichart Lektüren jenseits der Novitäten- und Bestsellerlisten: Vergessene Autorinnen, die unbedingt wiedergelesen werden sollten - wie die Barockdichterin Sibylla Schwarz, die ein Literaturhistoriker schon 1682 zu jenen "Frauenspersonen" zählte, "die die Männer selbst in der Tichtkunst beschämen können".

Gefällt dir nicht mein schlechtes Schreiben,
Und meiner Feder edler Saft,
So lass nur bald das Lesen bleiben,
Eh dann es dir mehr Unruh schafft

Eine selbstbewusste junge Dichterin des 17. Jahrhunderts

Diese Gedichtzeilen wurden im 17. Jahrhundert von einer ganz jungen Dichterin geschrieben: Sibylla Schwarz. Geboren wurde sie 1621 in Greifswald und dort starb sie auch 1638 im Alter von 17 Jahren an der Ruhr. Es geht in diesem vielstrophigen "Gesang wider den Neid" nicht allein um missgünstige Kritik, die geschmäht und beantwortet wird, sondern vor allem um das dumme Geschwätz, dass Frauen zum Dichten nicht taugten.

Was Sappho für ein Weib gewesen
Von vielen, die ich dir nicht nenn,
Kannstu bei andern weiterlesen,
von denen ich achtundfünzig kenn,
Die nimmer werden untergehen,
Und bei den lichten Sternen stehen.

Man reibt sich die Augen, wenn man das liest: Selbstbewusst behauptet sich damals schon eine junge Dichterin und verweist auf die vielen anderen, die es vor ihr gab.

In der schönen Ausgabe, die zum 400. Geburtstag von Sibylla Schwarz 2021 erschienen ist, zitiert die Herausgeberin Gudrun Weiland eine andere Literaturwissenschaftlerin, die dieses programmatische Gedicht "das erste kompromißlos feministische Gedicht der Weltliteratur" nannte. Verfasst von einer jungen Frau in einer Zeit, in der nicht nur das Schreiben, sondern überhaupt Bildung keine weibliche Tugend darstellte. Mädchen gingen höchstens auf eine Elementarschule, um Lesen und Schreiben und den Katechismus zu lernen.

Wollte ein Mädchen mehr, musste es großes Glück haben.

Der Vater fördert nicht nur die Söhne, sondern auch die Tochter

Sibylla Schwarz, deren Mutter früh gestorben war, hatte dieses Glück, denn ihr Vater war offensichtlich ein ungewöhnlicher Mann, der die Begabung seiner jüngsten Tochter erkannte – erzählt die Berliner Literaturwissenschaftlerin Gudrun Weiland:

"So kam es darauf an, dass sie gefördert wurde, dass sie Zugang zu einer Bibliothek hatte oder Bildung über das Selbststudium oder über Hauslehrer. Ihr Vater, ein studierter und promovierter Jurist, scheint jemand gewesen zu sein, der nicht nur seine Söhne, sondern auch seine Tochter gefördert hat, denn anders ist es nicht zu erklären, dass sie – wie es dann auch in der Leichenpredigt hieß – nicht nur solche in der Kanzlei des Vaters üblichen Schriftstücke wie Bittschreiben und Sendbriefe verfassen konnte, sondern auch in der Poesie Verse verfassen konnte, bekannt war mit lateinischer Dichtung."

Was Sappho für ein Weib gewesen Von vielen, die ich dir nicht nenn, Kannstu bei andern weiterlesen, von denen ich achtundfünzig kenn, Die nimmer werden untergehen, Und bei den lichten Sternen stehen.

Liebesdichtung ohne Liebeserfahrung?

Sibylla Schwarz ist in der Literaturwissenschaft durchaus Gegenstand der Forschung, aber jenseits der Fachkreise kennt sie niemand. Nein, das stimmt nicht - in Greifswald kennt sie jeder, auch wenn ihr Geburtshaus dort immer mehr verfällt.

Sie hatte mit 13 Jahren angefangen, Gelegenheitsgedichte zu schreiben, hat sich später einen poetischen Musenort ausgedacht, ein Trauerspiel - und ungewöhnliche Liebesgedichte geschrieben. Mit 17 Jahren ist sie in Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs gestorben: Hatte sie denn selber überhaupt Liebeserfahrungen machen können?

Gudrun Weiland: "Zur Frage der Erfahrung kann ich überhaupt nichts sagen. Aber das Interessante ist, dass Liebesdichtung - das widerstrebt dem heutigen Verständnis von Liebesdichtung - geht auch ohne Erfahrung und es fordert noch mehr ab. Es ist eine Sache, die mit dem Verstand zu tun hat."

Im 19. Jahrhundert hatten die Kommentatoren von Sibylla Schwarz vor allem das Bild eines jungen gefühlvollen Mädchens.

Gudrun Weiland: "… diese müsste doch eigentlich verliebte Gedichte schreiben und haben sich dann gewundert, wie kühl die 'Jungfer Schwarz' über die Liebe schreibt."

Kennenlernen und entdecken kann man diese ungewöhnliche Dichterin in der wirklich schönen Ausgabe mit ausgewählten Werken von Sibylla Schwarz, herausgegeben von Gudrun Weiland:

Sibylla Schwarz: "Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden"
(Femmes de Lettres Band 5) | Werkauswahl
SECESSION VERLAG für Literatur
ISBN 978-3-905951-60-8
20,00 Euro
240 Seiten mit einem Nachwort der Herausgeberin

Manuela Reichart, rbbKultur